Druckschrift 
Sanct Servatius oder wie das erste Reis in deutscher Zunge geimpft wurde : ein Beitrag zur Kenntnis des religiösen und literarischen Lebens in Deutschland im elften und zwölften Jahrhundert
Entstehung
Seite
LXVII
Einzelbild herunterladen
 

Die deutschen Servatiusgedichte des zwölften Jahrhunderts LXVII

nutzten Quellen, sondern durch den gleichgesinnten theologischenBoden, aus dem beide herauswuchsen, erklärt werden muß. Aberder oberdeutsche Servatius ist weit pointierter als Albers Werk unddas hängt mit seinen Quellen, mit den Gesta und Veldeckes Gedicht,die beide politische Parteischriften waren, zusammen. Nicht bloß in 5der Beichtfrage urteilt der oberdeutsche Servatiusdichter anders undmit Bewußtsein Veldecke entgegengesetzt, sondern auch bei demSchlüsselwunder spricht er anders, und auch da mit Absicht. MitPeinlichkeit vermeidet er es, auf die kanonisch-politische Bedeutung desdem Servatius von Petrus verliehenen Schlüssels einzugehen (vgl. 10unten 196, 31 f.) und wo er von beichten spricht, kommt er nie aufdas peinliche Thema der Schlüsselgewalt, obwohl ihn Veldecke, dener bei der Arbeit direkt neben sich liegen hatte, auf Schritt und Trittdarauf hinwies. Nicht einmal die Worte lösen und binden gebrauchter und auch hier mit gutem Grunde. Er wußte sehr wohl, welche 15Gefühle in manchen, nicht gerade dem Klerus freundlich gesinntenKreisen sie hervorriefen. Um des lieben Friedens willen mied er sie.So zeigt das oberdeutsche Werk ein anderes Gesicht. Sein Ver-fasser hatte andere, gemäßigtere politische Anschauungen. Er schriebnicht gegen Veldecke, nirgends findet sich eine Polemik gegen ihn, 20aber stillschweigend suchte er mit bestimmter kirchenpolitischer Ab-sicht die allzu kühnen Gedanken des Maastriechter Publizisten zuzügeln und zu zähmen. Es geht etwas von Kampfesmüde durch dasGedicht, von Sehnsucht nach Friede und Eintracht. Sollte man ihmeinen Untertitel geben, dann wäre wohl am besten, wenn man dar- 25unter schriebe:Ein Wort zur Versöhnung". Aber es war wohl nichtbloß der friedliebende Charakter des Dichters, der einen solchen Tonanschlagen hieß, sondern die anders gewordene Zeit. Eine solcheStimmung, wie sie im oberdeutschen Servatius zum Ausdruck kommt,war nicht gut möglich, als noch das Schisma, die Feindschaft zwischen 30Friedrich I. und Alexander III. bestand. Erst nach dem Frieden vonVenedig 1177 wird der Verfasser an die Arbeit gegangen sein. DieWunden der jahrelangen Kämpfe waren noch nicht vernarbt, er wolltesie heilen und zudecken helfen. Das führt uns wieder zu dem Ent-stehungsort des Gedichtes. Nirgends bestand schon lange eine so 35starke Tendenz, die geistliche und die weltliche Macht zu versöhnen,wie in der Diözese Freising. Seit Albert I. den Stuhl des großen

v*