Die deutschen Servatiusgedichte des zwölften Jahrhunderts XXXV
Pönitent theologisch zu behandeln sei, nicht einzeln auf, sondernstets verquickt mit einer Menge anderer, für die Ausgestaltung desDogmas scheinbar wichtigerer Fragen. Die verschiedenartigen welt-lichen Interessen, die durch diese Erörterungen berührt wurden,machten es unmöglich, daß die wissenschaftliche Diskussion sich 6fern vom Parteigetriebe abspielte. Die Vertreter der wider einanderstreitenden Ansichten wurden durch ihre wissenschaftliche Stellung-nahme zugleich in eine parteipolitische Position gedrängt, wobei esfür uns oft nicht mehr zu entscheiden ist, ob der Wissenschaftler diePartei oder die Partei den 'Wissenschaftler suchte. Meist unbewußt, 10häufig aber auch absichtlich wurden die religiösen Seiten der kirchen-Politischen Fragen in den Vordergrund geschoben. Die leitenden,sich bekämpfenden geistlichen und weltlichen Kreise einigten sich auftheologische Formeln, die für die Masse, selbst für die streitendenWissenschaftler, der Grund des Streites zu sein schienen, für sie aber 15nur Symbole für die von ihnen vertretenen politischen Interessenw aren. Zwar stand im zwölften Jahrhundert der Kampf um dasAltarsakrament, standen christologische Streitigkeiten im Vordergrund,aber die Anhänger des Primats sahen es dabei im Grunde darauf ab,cne Stellung des Priesters in Staat und Gemeinde zu festigen, die 20pnesterlichen Funktionen zum Mittelpunkt für die christliche Mensch-heit zu gestalten und so den gesamten hierarchischen Bau zu stärken.Uoch der gemeine Mann kann mit Abstraktionen, mögen sie nochso ideal sein und dem theologisch Gebildeten die Heiligkeit desSakramentes erst offenbaren, nichts anfangen. Er muß einer realen, aSl nnlich fühlbaren Macht gegenüberstehen. Diese Macht war die demnester kraft der durch den Bischof vollzogenen Priesterweihe ver-sehene, damals noch viel umstrittene Schlüsselgewalt. Sie war zwareine kirchliche, nur in foro ecclesiae auszuübende Gewalt, aber in-de m sie ausgeübt wurde, wirkte sie nicht nur kirchlich, sondern auch 30sozial. So hing eines am andern und die weltlichen Kreise konnten,so sehr sie vielleicht auch das Gegenteil wünschen mochten, denneologischen Auseinandersetzungen nicht unparteiisch gegenüber-stehen. Sie sympathisierten, soweit sie auf seifen des Königs standen,natürlich mit den Theologen, welche entgegen der päpstlichen Zen- 35
alisationsidee dem Priester eine selbständigere, vom Papst un-abhängigere Stellung zuweisen wollten und infolgedessen auch weniger
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