XXIV Einleitung. Erstes Kapitel
Seine Bildung trägt das Gepräge der Lütticher Schule. Die latei-nischen Schriftsteller, die er las oder wenigstens in Zitaten kannte,lassen das schließen. Er hat Stellen aus Lucan, Virgil, Horaz, Lucrez,Persius, Seneca, Juvencus und den Disticha Catonis, Worte aus Mela,
5 Plinius, Sallust, Cicero, Paulus Diakonus, Chalkidius, Martianus Kapellaund Gregor von Tours in sein Werk verwoben. Lucan hatte er mit denAdnotationes, Horaz wahrscheinlich mit den Scholien des Porphyriusgelesen. Er war sicher belesener als wir gegenwärtig nachweisenkönnen. Er hatte Schriften von Isidor, Hieronymus und Augustin, dessen
10 Pathos in den Konfessionen er z. B. in der Visio des BrabantischenRitters trefflich nachgeahmt hat, gelesen; er hatte wohl auch Ambrosiusund Laktanz studiert. Der Umfang der Kenntnisse des Verfassers in derhagiographischen Literatur wird sich kaum recht feststellen lassen.Neben den Hunnenlegenden wird er auch die Legenden des Bistums
15 und der Klosterheiligen der Diözese gekannt haben. Teilweise warensie ihm durch Hergers Bischofsgeschichte zugänglich. Doch hat erauch Einzelviten gekannt. So z. B. sicher die Vita sancti Landberti(BHL. 4678). In der Translatio des Servatius unter Hubert von Lüt-tich erinnert manches an die Erhebung der Reliquien dieses Hubert
20 in der von Jonas von Orleans verfaßten Vita (BHL. 3994). Vorgelegendürfte ihm, als er schrieb, diese Vita kaum haben, wie der Verfasserüberhaupt nicht für alles, was er zitiert, bei der Niederschrift immerden entsprechenden Quellenbeleg vor sich gehabt haben wird. Manch-mal mußte das Gedächtnis aushelfen und das führte dann zu kleinen
25 Irrtümern, wie etwa bei der Erwähnung des Paulus Eremita (G. 29, 31 f.).Daß der Verfasser die Bibel fleißig zitiert hat, ist selbstverständlichbei einem mittellateinischen Schriftsteller. Der Kommentar zu denGesta bringt, was ich an Zitaten und Anspielungen gefunden habe.Daß dies nicht erschöpfend sein kann, weiß jeder, der einmal eine
so ähnliche Arbeit gemacht und gesehen hat, wie sehr bei der Auffin-dung von Zitaten und Parallelen der Zufall eine Rolle spielt.
Der Verfasser der Gesta war Lütticher Diözesan und ein An-hänger Heinrichs IV. Aus seiner Verehrung für den hl. Servatiusallein dürften wir schon schließen, daß er zu St. Servais in Maas-
ss triecht in Beziehung stand. Kapitel 10 der Gesta bestätigt dies voll-kommen. Der Verfasser hat Maastriecht und seine Umgebung gutgekannt. Seine Schilderung der Landschaft stimmt genau mit den