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Sanct Servatius oder wie das erste Reis in deutscher Zunge geimpft wurde : ein Beitrag zur Kenntnis des religiösen und literarischen Lebens in Deutschland im elften und zwölften Jahrhundert
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Die lateinischen Servatiuslegenden bis Ende des zwölften Jahrhunderts XXIII

richtete. Zwar hat er den Untergang Tongerns nicht mehr abwendenkönnen, aber doch kraft des ihm um seiner Fürbitte willen verliehenenSchlüsselamtes höchster Instanz hat er die darin wohnenden reu-mütigen Seelen vor dem ewigen Tod retten können. Und was isthöher und größer, durch Gebete eine Stadt von Plünderung, ihre 5Einwohner von Leibesnot zu befreien oder für die Seelen der zumUntergang geweihten Stadt das ewige Heil zu erbitten? Unter demGriffel unseres Verfassers aber ist auch Attila zu dem Scheusal ge-stempelt worden, als das er in der späteren Geschichtsschreibung gilt.Der aus der Bibel entlehnte Ausdruck Gottesgeißel kommt bei ihm 10zum erstenmal vor (vgl. 37,35 f.; 72, 19 f.) und ist besonders inSchulbüchern bis auf heute ständiges Requisit geblieben. So ist dieServatiuslegende, die ursprünglich dem zu widerstreben schien, durchdie Änderungen des Verfassers der Gesta in die Tendenz des altenHunnenlegendenzyklus eingemündet. Die Gebete des Heiligen sind 15in den Vordergrund getreten und sein Hauptgegner, den er mit ihnenüberwindet, ist ein diabolisches Wesen, eine Zuchtrute für die ver-derbte Menschheit geworden. Wie aber der Schatten das Licht nochglänzender, das Böse das Gute noch größer erscheinen läßt, so istneben diesem Scheusal der Heilige fast zu einem Gott geworden. 20Er ist nicht bloß christusähnlich, sondern sogar ein Verwandter Jesuselbst. Er tut Wunder, die denen Christi gleich sind.

Es ist vielleicht nicht zufällig, daß gerade am Ausgang des elftenJahrhunderts die Hunnenlegende in der Diözese Lüttich neu erwachteu nd die Servatiuslegende in ihrer Tendenz den Legenden von Troyes 25und Orleans angeglichen wurde. Dem Geschick Herzog Gotfridsdes Jüngeren von Lothringen war es 1075 gelungen den erledigtenStuhl von Lüttich seinem Verwandten, dem Archidiakon der Kirchevon Verdun, Heinrich, zu verschaffen. Mit Heinrich, der dem Königzeitlebens ein treuer Anhänger und Berater gewesen ist, zog auch 30französische Sitte und Bildung in Lüttich ein. Da mögen die Hunnen-legenden aus Troyes von neuem mit großem Interesse gelesen wordensein und den Verfasser der Gesta sancti Servatii zu seinen Fabeleienangeregt haben.

Trotz allen Fabeins war der Verfasser aber kein gewöhnlicher Durch- ssschnittsmensch. Er hatte offenbar einen umfassenden Studienganghinter sich. Im Trivium und Quadruvium war er wohl bewandert.