XVIII Einleitung. Erstes Kapitel
ganzen Diözese Lüttich. Er wollte eine kaiserfreundliche Stimmungbei ihnen schaffen; und das ist ihm auch wohl gelungen. Der Er-folg zeigt sich in der Verehrung, welche seit dem Erscheinen derGesta dem hl. Servatius über die Grenzen der Diözese Lüttich hinaus
5 zuteil geworden und in der Art und Weise, wie seine Legende vonden folgenden Jahrhunderten für Politik und Geschichte ausgenutztworden ist. Gerade das Wunder von der Schlüsselübergabe durchPetrus ist in dem Servatiuskult in der Folgezeit immer wieder nach-drücklichst betont worden, und der Schlüssel selbst wird als Reliquie
10 bis auf den heutigen Tag in St. Servais zu Maastriecht verehrt undaufbewahrt. Die auf Tafel II beigegebene Abbildung zeigt, daß des Ver-fassers Angaben (G. 47, 9 f.; 56, 4 f.; 140, 3 f.) über den Schlüssel durch-aus auf Wahrheit beruhen. Er ist ein hervorragendes Kunstwerk, ausschwerem Silber gearbeitet und wohl viele Jahrhunderte älter als die
15 Gesta selbst. Der Stil der in der Linienführung äußerst elegantenOrnamente weist auf hellenistisch-koptische Tradition (vgl. die Wein-blattornamente an der Aachener Kanzel, abgebildet bei J. Strzygowski,Hellenistische und koptische Kunst in Alexandria, Wien 1902, S. 61).*Es mag sein, daß der Schlüssel ursprünglich als Reliquienbehälter,
20 um ein Stück der Catena Petri zu fassen, gedient hat (vgl. darüberASS. Juni V 452 § X f.; Nov. I 869 § VIII und Fr. Bock et M. Willemsen,Antiquites sacrees, conservees dans les anciennes collegiales deS. Servais et de Notre-Dame ä Maestricht. Maestricht 1873 S. 53 f.);seine politische Bedeutung erhielt er durch den Gestaverfasser. Dieser
25 sah darin nicht etwa ein Zeichen der Anerkennung, welches demhl. Servatius der apostolische Stuhl zukommen ließ, sondern einenGnadenbeweis Gottes, an dem dieser römische Stuhl seinerzeit wederaktiv noch passiv beteiligt war. Die Verleihung geschah durch einWunder über den Kopf des Papstes hinweg und auch nach statt-
30 gehabter bischöflicher Ordination.
Der Verfasser der Gesta ist sicher derjenige gewesen, der diesenSchwindel zuerst aufgebracht hat. Vor ihm finden wir die Schlüssel-geschichte nirgends erwähnt. Aber er machte Schule damit. Denn inLüttich ließ man sich das nicht zweimal sagen. Auch der hl. Hubert,
35 der den Bischofsitz von Maastriecht nach Lüttich verlegt haben soll,
* Noch näher steht die daselbst auf S. 64 abgebildete ägyptische Elfenbein-schnitzerei aus dem Berliner Kaiser Friedrich-Museum.