XVI Einleitung. Erstes Kapitel
lung konnte auf nichts anderem beruhen als auf dem schon vonHerger 172, 39 f. flüchtig angedeuteten Verwandtschaftsverhältnis desServatius zu Christus. Diese Verwandtschaft näher auseinander-zusetzen und zu begründen mußte die nächste Aufgabe des Hagio-
5 graphen sein. Er hat hier nicht zurückgeschreckt, Lüge und Fäl-schung zu benutzen oder gar selbst zu fälschen. Mag nun die fabel-hafte Genealogie, die er über die Abkunft Servazens bringt und die ereinem gewissen Alagrecus in den Mund legt, von ihm sein odernicht, es ist genug, daß er sie bringt (s. G. 20, 2 f.). Wir brauchen
io die Mainzer Synode, von der auch Adam von Bremen und HermanContractus sprechen (s. G. 24, 7 f.) nicht als ungeschichtlich zu ver-dächtigen, aber die Angaben unseres Verfassers, daß vor Kaiser undPapst in dieser Synode auf die Aussage von ein paar höchst zweifel-haften Griechen hin die vom Verfasser vorgebrachte Genealogie gebilligt
15 und für echt erklärt worden sei, müssen wir als ganz plumpe Unwahrheithinstellen. Welch schlechtes Gewissen der Verfasser der Gesta dabeihatte, zeigt am besten, wie er den zeitlichen Konflikt, der zwischendem Geburtsdatum des Servatius und seiner Tongerer Wirksamkeitbesteht, überbrückt. Methusala, Henoch, Elias, die Siebenschläfer,
ao selbst der Riese Goliath und seine vermeintliche Verwandtschaft müssenherhalten, um zu beweisen, daß, wenn Gott will, ein Mensch mehrerehundert Jahre leben kann (s. G. 22, 18 f.). Eine kleine, der Haupt-sache nach aus Hieronymus entlehnte sprachwissenschaftliche Studie(s. G. 21,17 f.), muß beweisen, warum der Armenier Servatius keinen
25 armenischen, sondern einen lateinischen Namen trägt; und bei dieserGelegenheit kann man auch beobachten, welche Taktik der Verfasserbei seiner Polemik verfolgt. Fragende Einwürfe, die ihm unangenehmsind, beantwortet er selbst wieder mit einer Frage. Den Gegnern,die sich am lateinischen Namen Servatius stoßen, pariert er damit,
30 daß er seine Verwunderung ausspricht, weshalb sie sich noch nichtmit den Apostelnamen Petrus und Paulus auf diese Art beschäftigthätten (s. G. 21, 9 f.). Das war nicht ungeschickt.
Der chronologische Konflikt, in den der Verfasser hineingeratenwar, war nun aber geeignet ein weiteres Wunder einzuführen, das
35 dem Ganzen erst die Krone aufsetzte. Von Armenien nach Tongernwar eine weite Reise, vor allem für einen Mann, der jeden Tag seinEnde zu gewärtigen hatte. Auch hier konnte bloß eine höhere Macht