XIV Einleitung. Erstes Kapitel
richtes über den Aachener Königstag im Kapitel 47. Daraus aberergibt sich mit Sicherheit, daß die Gesta erst nachgregorianisch sind.Dazu stimmt die offene und deutliche Polemik, welche gegen dieBriefe Gregors an Herman von Metz (s. G. 47, 9 f.) und vielleichts auch gegen die Sätze von Avranches geführt wird. Denn dem Ver-fasser war es im Grunde genommen um nicht Geringeres zu tun,als die von Gregor aufgestellte Doktrin über die Schlüsselgewalt und
idie mit dieser eng zusammenhängenden Ansprüche Gregors auf denPrimat des römischen Stuhls zu bekämpfen. Der Hagiograph teilt
io ganz und gar den Standpunkt seiner Parteigenossen. Wie für diese,so ist auch für ihn charakteristisch, daß er seinen kirchlichen Glauben,das kirchliche Dogma in keiner Weise verläßt, sondern durchaus aufdessen Boden steht. Er bekämpft nicht die Kirche und ihren Glauben,sondern lediglich Parteiansichten, die ihm nach seinen und seiner
15 Freunde Ansichten vom Standpunkte des bestehenden Dogmas ausals verfehlt erscheinen. Er bestreitet daher auch nicht das durchChristus dem Petrus übertragene Schlüsselamt als solches und seinekanonisch-dogmatische Wirkung, sondern nur die darüber von Gregorund seinen Nachfolgern aufgestellten Leitsätze und die nach ihrer
20 Meinung daraus abzuleitenden Ansprüche der Nachfolger auf derKathedra Petri. Gerade mit seiner Lehre von der Clavis hatte Gregorseinen politischen Kampf gegen Heinrich moralisch decken wollenund bei denen, die den Primat der Nachfolger Petri anerkannten,erschien er zweifellos im Recht, als er 1081 in seinem berühmten
25 Schreiben an Herman von Metz sich auf die schon von seinen Vor-gängern zitierte Stelle Matth. 16, 18 Tu es Petrus et super hartepetram aedificabo Ecclesiam meam, et portae inferi non praeva-lebunt adversus eatn; et tibi dabo claves regni coelorum; et quodeunqueligaveris super terratn, erit ligatum et in coelis, et quodeunque sol-
3o veris super terram, erit solutum in coelis berief (MSL. 148, 594 D).Vom Standpunkt der damaligen Theologie konnte diese Stelle nichtals unecht angefochten werden. Die Exegese war noch nicht soweit gediehen und so kühn geworden, daß sie einen nur in einemder drei synoptischen Evangelien überlieferten Passus für einen späteren
35 Zusatz erklärt hätte. Es stand also für jeden Christen fest, daß Christusdem Simon-Petrus das Amt der Himmelsschlüssel übertragen hatte.Wollte der Politiker die Schlüsselgewalt der mit ihm lebenden Päpste