Die lateinischen Servatiuslegenden bis Ende des zwölften Jahrhunderts XI
seltensten Fällen strikte nachweisen, aber wenn man wieder log, sokonnte der Gegner ebensowenig den Betrug aufdecken. Es war dasallerdings nicht schön, aber man befand sich doch in guter Gesell-schaft, und außerdem geschah ja alles in maiorem dei gloriam. Umeine Schrift gegen die Trierer Euchariusvita ausgehen zu lassen, war 5kein Bistum geeigneter als Lüttich. Seine Klosterschulen erfreutensich seit der Karolingerzeit hohen Ansehens und das starke Gewicht,welches man hier gerade auf geschichtliche Studien legte, war nurdazu angetan einer solchen von hier ausgegebenen Schrift sofort dienötige Beachtung zu verschaffen. Es war Herger von Lobbes, der 10Freund des gelehrten Bischofs Notker von Lüttich, der sich dieserAufgabe unterzog. Er schrieb nicht gegen Trier, sondern er schriebeine Geschichte des Lütticher Bistums: Gesta episcoporum Leodienslum.Aber für den Anfang dieser Geschichte schrieb er die Trierer Eucharius-vita aus und fabulierte einiges hinzu. Als Eucharius Trier bekehrt 15und dort den Bischofsitz begründet hatte, wurden nach Herger vonseinen Genossen noch zwei weitere Bischofsitze gestiftet: nämlichKöln und Tongern. So hatte Herger mit einer eleganten Fabel denTrierer Streich pariert, das Bistum Tongern, den Vorläufer von Maas-triecht und Lüttich, als Trier an Alter und Würde ebenbürtig hin- 20gestellt und außerdem dem Erzbischof von Köln einen Dienst er-wiesen, für den er sich dankbar erweisen mußte, wenn er dies auchnur schweren Herzens getan haben wird. Denn aus Hergers Darstel-lung ergab sich, daß der Stuhl des Lütticher Suffragans dem des Metro-politen von Köln an Alter und Würde in jeder Weise ebenbürtig sei. 25
Im Verlaufe seines Werkes mußte Herger auch auf das Leben deshl. Servatius zu sprechen kommen. Unter seinen Händen hat sichdie Legende weiter gewandelt. Den Grundstock für seine Servatius-vita bildet die schon von Florus benutzte Fassung des neunten Jahr-hunderts. Sie ist ganz in den Zusammenhang des Werkes hinein- 30gearbeitet und hat infolgedessen auch allerhand Umstellungen übersich ergehen lassen müssen. Herger kam es darauf an, das Lebenjedes einzelnen Bischofs nicht bloß in die engere Bistumsgeschichteeinzugliedern, sondern auch in die gleichzeitigen großen Ereignisseder Weltgeschichte. Gerade bei Servatius war das eine verlockende 35Aufgabe und Herger hat sie sich nicht entgehen lassen. An derHand der Gotengeschichte des Jordanes, des Briefes von Hieronymus