X Einleitung. Erstes Kapitel
Großen vom König wieder übernommen wurde, so ist es doch immerwieder der Trierer Kirche zurückgegeben worden. Da die Abteikanonisch der Diözese Lüttich, privatrechtlich der Trierer Kathedraleangehörte, so war sie an den politischen und kulturellen Schicksalen
5 beider Kirchenprovinzen in gleicher Weise interessiert. Sie wurde
gewissermaßen zu einem Medium der verschiedenartigsten Einflüsse
und Äußerungen. Das sollte sich auch an der Servatiuslegende zeigen
Seit den Tagen Hilduins von St. Denis und Hinkmars von Reims
hatte die politische Hagiographie im Abendlande einen bedeutenden
10 Aufschwung genommen (s. PBB. 33, 307 f.). Man hatte kennen gelernt,wie nutzbringend die Biographie eines Heiligen zu verwenden war,um allerhand Rechtsansprüche erheben und Politik treiben zu können.Besonders Hinkmars Remigiusvita hatte Schule gemacht. In seinenFußstapfen wandelte man, als in Trier die Legende von Eucharius
15 Valerius und Maternus fabriziert wurde. Es soll hier nicht unter-sucht werden, wie weit die Bildung dieser Legende zurückliegt. Ge-schichtlich ist ihr Inhalt nicht, aber politisch. Zu Anfang des zehntenJahrhunderts wurde die Frage aufs Tapet gebracht. Ein Mönch desKlosters St. Eucharius hatte eine Vita der drei Heiligen geschrieben.
20 Als Quelle für seine Weisheit gab er Fragmente einer älteren Bio-graphie an, die sich in der Asche des zerstörten Trier gefunden hätten(PBB. 33, 3171). In dieser auf Grund dieser angeblichen Bruchstückegeschriebenen Vita steht zu lesen, daß Eucharius mit Valerius undMaternus vom Apostelfürsten Petrus nach Germanien gesandt worden
25 sei, um den Glauben zu predigen und daß er, nachdem seine Missions-tätigkeit erfolgreich gewesen, die Trierer Kirche gegründet habe. Dashieß nichts anderes, als Trier ist die älteste Kirche Deutschlands, istnicht wie die übrigen Bistümer des Reichs erst eine Gründung nach-apostolischer Zeit und kann infolgedessen auch gewisse Vorrechte
so vor den anderen Bistümern Deutschlands beanspruchen. Besondersunangenehm war das für die Nachbardiözesen, vor allem aber fürdie Erzdiözese Köln und ihre Suffragane. Es war zu erwarten, daßdie Behauptungen der Trierer Kirche nicht unwidersprochen bleibenwürden; und so kam es auch.
35 In eine grobe Polemik ließ man sich freilich nicht ein. Dazuwar das als grob verschrieene Mittelalter viel zu fein. Man behandeltesolche Dinge mit überlegener Ironie. Der Schwindel ließ sich in den