VHI Einleitung. Erstes Kapitel
gelang es nicht bloß das Scheusal zum Rückzug zu bewegen, sondernes glückte ihm sogar, es der christlichen Religion geneigt zu machenund so auf einen gottgefälligen Weg zu bringen. Konnte es einenhöheren Ruhm für einen Heiligen geben, als den, vor dessen Reiter-
5 scharen der ganze Erdkreis gezittert hatte, in die besänftigendenFesseln des christlichen Glaubens geschlagen zu haben? Es war derhöchste!
Die Aravatius-Servatiuslegende ist von diesen hagiographischenTendenzen der übrigen Hunnenlegenden zunächst unberührt geblieben.
10 Es war auch schwer diese Tendenzen hier einzuführen. Die Gebetedes Heiligen hatte Gott nicht erhört, und mit Attila war Aravatiusnicht in Berührung gekommen: er war vor seinem Einfall in Galliengestorben. So kam es, daß auch die im neunten Jahrhundert zuMaastriecht vorgenommene Bearbeitung der Servatiuslegende (BHL.7613)
15 nur wenig Neues bot. Sie war offenbar zum liturgischen Gebrauchbestimmt. Das von Gregor im über in gloria confessorum erzählteMirakel wurde den drei Kapiteln aus der Frankengeschichte unmittel-bar angefügt, Gregors Text durch Stellen aus dem Servatiusofficiumund aus der zweiten Epistel des Sulpicius Severus erweitert (vgl.
20 MG. scr. rer. merov. III 91,12—20 = ep. 2, 7 f. und 2,18; ferner MG.scr. rer. merov. IV 766, 24 f.); nach der Erzählung von Servats Be-gräbnis wurde eine kurze Notiz über die Eltern des Heiligen ein-gefügt, die natürlich der Phantasie des Hagiographen entsprang undden biographisch-genealogischen Neigungen der Zeit entgegenkommen
25 wollte. Ein eingestreuter Hexameter, in dem der Name Auetor vor-kommt, deutet vielleicht darauf hin, daß über das freundschaftlicheVerhältnis zwischen Servatius und dem Metzer Bischof, von demschon Paulus Diakonus in seiner Metzer Bischofsgeschichte zu er-zählen weiß (MG. SS. II 263, 41 f.), ein uns nicht mehr erhaltenes Ge-
ao dicht bestand. Die Abfassung dieser Version der Servatiuslegendemuß in die erste Hälfte des neunten Jahrhunderts fallen. Schon dasMartyrologium des Florus kennt die ihr eigentümliche Verbindungder Erzählungen Gregors (vgl. H. Quentin, Les martyrologes historiquesdu m-a., Paris 1908 S. 318). Die Florusnotiz ist übergegangen in
35 die Martyrologien des Ado, Usuardus und Wolfhart von Herrieden.Sie hat neben dem Hieronymianum außerhalb der Grenzen der Nieder-lande lange die hauptsächlichste Kunde von der Existenz des hl. Ser-