Die lateinischen Servatiuslegenden bis Ende des zwölften Jahrhunderts VII
in Unterhandlungen traten, um nicht geplündert oder durch Kriegs-auflagen allzu stark belastet zu werden. Bei der hervorragendenStellung der Bischöfe innerhalb der Gemeinde war es geradezu selbst-verständlich, daß der Episcopus an die Spitze einer solchen Gesandt-schaft trat. War doch die Gesandtschaft Roms, die 452 bei Mantua 5unter der Leitung Leos des Großen mit Attila verhandelte, nichtsanderes. Auch um sie hat die spätere Legende ihr Rankwerk ge-woben, allerdings in etwas anderer Richtung als bei den hier be-sprochenen Hunnenlegenden.*
Dies schon bei Gregor von Tours zu beobachtende Streben, die 10Niederlagen der Hunnen als Wirkungen gottesdienstlicher Verrich-tungen eines Heiligen aufzufassen, erfuhr bis zur Karolingerzeit unddarüber hinaus eine fortwährende Steigerung. Die Wirkung seiner Ge-bete hob natürlich in den Augen des Hagiographen das Ansehen desBischofs, dessen Leben er schrieb: seine Verdienste möglichst in 15den Vordergrund zu stellen, sollte das Streben und die Aufgabe desBiographen sein. Das konnte nur bis zu einem gewissen Grade ge-schehen, wenn nicht gezeigt wurde, wie schwer die vom Bischof zuleistende Aufgabe war, dessen Leben der Hagiograph sich zum Vor-wurf genommen hatte. Das Bild des Attila wurde deshalb ins Da- 20monenhafte verzerrt, er wurde ähnlich wie die Christenverfolger Deciusund Diocletian zum Scheusal und Verbrecher gestempelt. Je jüngerdie Legendenschreiber sind, desto greller die Farben, die sie dieserKarikatur auflegen, desto größer der Haß, den sie zur Schau tragen.Der Verfasser einer Ursulalegende (BHL. 8428) läßt sogar nach Art 25der griechischen Romane Attila seiner Heiligen unsittliche Anträgemachen. In der besprochenen Memoriusvita und in der Lupuslegendetritt die Tendenz, den Hunnenkönig herabzusetzen, schon ausgebildetentgegen, sie ist sogar schon wieder weiter entwickelt. Dem Heiligen
* Beiläufig möchte ich auf einen Punkt aufmerksam machen, der mir noch nie 30hervorgehoben zu sein scheint. Die Wahl Leos als Haupt der Gesandtschaft warwohl aus finanziellen Gründen nicht bloß nützlich, sondern notwendig. Er alsBischof von Rom verfügte durch die Armen- und Gemeindekassen über ganz be-deutende Barmittel, und diese Kassen werden herangezogen worden sein, um Attilazum Abzug zu bewegen. Denn ein so kluger Diplomat und Staatsmann wie Attila, 35der bekanntlich Gold sehr zu schätzen wußte, wird nicht ohne eine entsprechendeEntschädigung seine militärische Position aufgegeben haben. Nur so wird die WahlLeos als Gesandtschaftshaupt geschichtlich verständlich.