Druckschrift 
Sanct Servatius oder wie das erste Reis in deutscher Zunge geimpft wurde : ein Beitrag zur Kenntnis des religiösen und literarischen Lebens in Deutschland im elften und zwölften Jahrhundert
Entstehung
Seite
V
Einzelbild herunterladen
 

Die lateinischen Servatiuslegenden bis Ende des zwölften Jahrhunderts V

Die Aravatius-Servatiuslegende,* wie sie uns im Bericht des Gregorvon Tours entgegentritt, gehört einer ganz bestimmten Gruppe vonhagiographischen Werken an, die man am besten unter dem NamenHunnenlegenden" zusammenfaßt. Die bekanntesten von ihnen sind,außer der Aravatiuslegende, die Vita Anlani ep. Aurelianensis (BHL. 473), 5das Memoriusleben (BHL. 5915), die Vita Lupi ep. Trecensis (BHL. 5087)und die Ursulalegende (BHL. 8427). Sie alle stehen untereinander inZusammenhang und haben im späteren Mittelalter sich immer wiedergegenseitig beeinflußt. Die nahen Beziehungen zwischen der Aravatius-legende und der Anianusvita treten schon bei Gregor von Tours ent- 10gegen: unmittelbar auf jene folgt diese (Hist. Franc. II 7). Wie Ara-vatius durch seine Gebete das kommende Unheil von Tongern ab-zuwenden sucht, so ist Anianus bestrebt, durch seine Gebete Orleanszu retten. Gregor entfernt sich in seiner Erzählung von Anianus noch nichtsehr von den geschichtlichen Tatsachen. Die Gebete Anians sind noch 15nicht zum Mittelpunkt der Legende und zum einzigen Grund für die Er-rettung Orleans geworden. Es ist nur eine gewisse mönchische Stim-mung, die in beiden Berichten Gregors zum Ausdruck kommt, Tönewie sie aus der Anachoretenlegende des vierten Jahrhunderts ge-nügend bekannt sind. Schon bei dem sogenannten Fredegar II 53 20(MG. scr. rer. merov. II 73,14 f.) ist das anders. Der Hauptgrund fürdie Niederlage Attilas und die Errettung Orleans waren Anians Ge-bete. Im über historiae Francomm Kap. 5 (MG. scr. rer. merov. II246, 12 f.) ist sogar, um die Wirkung der Gebete des Heiligen insrechte Licht zu setzen, die Schlacht bei Mauriacus gestrichen worden. 25Anianus hatte dem Hunnenkönig bereits eine solche Niederlage bei-gebracht, daß eine militärische nicht mehr nötig war: sie hätte höch-stens den Ruhm des frommen Bischofs verdunkelt.

Es ist ein langsamer, über ein paar Jahrhunderte sich hinziehenderVorgang, in dem die Beziehungen gallischer Bischöfe zu Attila mehr 30und mehr verdichtet werden. Erst zur Karolingerzeit ist er im wesent-lichen vollzogen. Während dieser Periode haben die HunnenlegendenEinflüsse der Märtyrer- und Konfessorenbiographien über sich ergehenlassen müssen; auch der Reliquienkult ist nicht spurlos an ihnenvorübergegangen. Charakteristisch dafür ist die Memoriuslegende und ssdiejnit ihr eng zusammenhängende ältere Vita Lupi. Beide sind in

* Zum folgenden vgl. besonders B. Krusch, NA. 24 (1899), 559 f.