VIII Vorwort
bei diesen Reimuntersuchungen um weiter nichts als um eine Mode,die ebenso vergänglich ist wie der Kleiderschnitt, aber wie diesergesellschaftsfähig macht, so gibt jene den scheinbaren Charakter desWissenschaftlichen. Ich stehe nicht an, die Reimuntersuchungen vonKraus und Zwierzina als einen der schlimmsten Hemmschuhe zu be-zeichnen, dessen Wirkungen wir bis jetzt in der Germanistik zu spürenbekommen haben; schlimm besonders deshalb, weil sie eine Verengungdes geistigen Horizonts bedeuten.
Diese Untersuchungen lasten noch schwer auf den Gemütern. Siewirken durch die scheinbare Fülle des Materials. Aber sie sind einschwer beweglicher Truppenkörper, der in entscheidenden Fällen häufigversagt. Ihm werden aber auch Aufgaben zugemutet, die er zu leistennicht imstande ist. Ich muß bestreiten, daß man auf Grund einerReimuntersuchung die chronologische Reihenfolge der Werke einesDichters bestimmen kann. Denn es gehört zu den schlimmsten Artenvon wissenschaftlichem Dogmatismus, anzunehmen, daß die künstlerischeEntwickelung eines Menschen sich immer in aufsteigender oder über-haupt in gerader Linie bewege. Daß die Reimuntersuchung nicht im-stande ist, einen deutschen Text genau zu lokalisieren, hat meineAbhandlung über Reinbot von Dürne bewiesen und dieses Buch be-weist es wieder. Es braucht daher hierauf nicht nochmals näher ein-gegangen zu werden. Aber auf eins ist noch nötig hinzuweisen: dieReimuntersuchungen haben auch physiologische Wirkungen. Siestumpfen die Denktätigkeit äußerst stark ab. Es tritt eine schwereErmüdung ein, die den Blick und die Aufmerksamkeit für andereDinge erheblich vermindert, wenn nicht ganz benimmt. Sie raubtvollständig die Fähigkeiten, große Linien zu zeigen und zu zeichnen.Es unterliegt gewiß keinem Zweifel, daß die Untersuchungen vonKraus und Zwierzina einen riesigen Aufwand an physischer Krafterfordert haben, aber dieser Aufwand steht in keinem Verhältnis zudem wissenschaftlichen Ertrag, und gerade heute bei der immer mehrsich ausbreitenden Stoffmasse der Einzeldisziplinen muß mit diesenKräften haushälterisch umgegangen werden, damit sie nicht unnützvergeudet werden. Wenn man einen Berg ersteigen will, so wird