Vorwort IX
man nicht vorher allerhand Akrobatenkunststücke üben, die, statt frischzu machen, ermüden, sondern man wird sich zweckentsprechendtrainieren.
Ich habe diese Worte nicht aus Hochmut oder aus Freude amTadel geschrieben, sondern nach reiflicher, mehrjähriger Überlegungund aus eigenen Erfahrungen heraus. Als zwölfjähriger Knabe habeich angefangen, mich mit Germanistik zu beschäftigen. An Braunesalthochdeutschem Lesebuch, das ich in der Bibliothek meines Vatersfand, stellte ich damals meine ersten Versuche an. Die kleine Ausgabevon Bartschs Nibelungenlied in der Bibliothek der Klassiker des Mittel-alters vermittelte mir die ersten Kenntnisse des Mittelhochdeutschen.Niemand half mir. Ich mußte selbst meinen Weg gehen. Als Ober-sekundaner studierte ich die große mittelhochdeutsche Grammatik vonK. Weinhold durch, nicht ahnend, daß vieles darin veraltet sei. AnPauls Grammatik und an Behaghels Einleitung zur Eneide lernte ichdann um. So stieß ich schon sehr früh auf die die Germanisten be-herrschenden Gegensätze und Moden. Mein sehnlichster Wunsch war,einen mittelhochdeutschen Schriftsteller herausgeben zu können. Alsich die Straßburg-Molsheimer Handschrift in Massmanns Abdruck ge-lesen hatte, machte ich mich an eine Ausgabe des Pilatus, unwissend,daß schon Weinhold eine solche veröffentlicht hatte. In freien Stundenschrieb ich eine Lautlehre von der Sprache des Dichters und lokalisierteihn richtig und unabhängig von Weinhold in Hessen. Das Musterwar Behaghels Darstellung der Sprache Veldeckes oder vielmehr diedabei angewandte Schreibart. So hatte ich mir schon einige Jahre,bevor ich die Universität bezog, diejenige Technik, die man bei Text-ausgaben anwendet, und jenen Jargon, mit dem man in der Germanistikwissenschaftlich zu verkehren pflegt, angeeignet. Wer zum Beispieldie germanistische grammatische Literatur der achtziger und neunzigerJahre durchgeht, wird finden, daß man die Perfekta larte und kartebald für lautgesetzliche, bald für analogische Bildungen erklärte. Ichbuchte in meiner Untersuchung beide Ansichten. Ich tat es nicht ausGerechtigkeitsgefühl, sondern weil es die damals erschienenen Unter-suchungen über mittelhochdeutsche Sprache samt und sonders so