Vorwort VII
Sätzen, wie etwa von der Gewissenhaftigkeit und der Gründlichkeitdes deutschen Gelehrten, oder daß für die Wissenschaft die Behand-lung der winzigsten Teilfrage ebensoviel Wert habe wie die einergroßen, sucht sich ein wissenschaftliche Unfruchtbarkeit förderndesBestreben zu decken, das schon jetzt auf dem Gebiet der germanischenPhilologie beinahe zu einem Stillstand geführt hat. Vor lauter Be-denklichkeiten können schon heutzutage keine kritischen Textausgabenmehr gemacht werden, denn wenn von den einundzwanzig Hand-schriften, in denen ein Schriftsteller überliefert ist, eine nicht erreichbarist, so unterläßt man lieber eine Ausgabe, und man hat vielleicht garnicht so unrecht, wenn man Dinge in Rechnung zieht, die auf einemanderen Gebiet als dem der Wissenschaft zu suchen sind. Die Reim-untersuchungen nehmen überhand und verdunkeln jeden gesundenhistorischen Sinn. Die Frage, ob ein Schriftsteller die Silbe -lieh mitkurzem oder langem i braucht, ist wichtiger geworden alß die Frage,ob dieser in Augsburg oder in Regensburg schrieb, ob er ein Bayeroder ein Schwabe war, sie interessiert mehr als die Angaben, die erüber sein Leben und seinen Aufenthalt macht. Über sie geht manmit einem eleganten Satz hinweg oder stellt gar, sie nicht beachtend,etwas ihnen Zuwiderlaufendes als wissenschaftliches Ergebnis hin.Einem jungen Germanisten kann heutzutage die Nichtbehandlung derFormen von gän in der Einleitung zur Ausgabe eines mittelhoch-deutschen Schriftstellers den Vorwurf der Rückständigkeit, der Un-genauigkeit und der Oberflächlichkeit eintragen, aber man fragt nichtdanach, ob denn Männer wie Kraus und Zwierzina die Werke, derenReime sie untersuchen, eigens für ihre Untersuchung durchgelesenhaben. Für den oberdeutschen Servatius läßt sich zum Beispiel mitaller Bestimmtheit nachweisen, daß dies von Kraus nicht geschehenist. Und was haben denn diese Untersuchungen Dauerndes geleistet?Ein paar Anmerkungen in den mittelhochdeutschen Grammatiken habensie gezeitigt und eine Reihe blindlings nachtretender Doktordissertationen,die nicht etwa zeigen, daß ihre Verfasser wissenschaftliche Reife er-worben, sondern daß sie sich jene Technik und jenen Jargon, der zur-zeit in Mode war, stilgerecht angeeignet haben. Denn es handelt sich