Druckschrift 
5 (1927) Erde, Gewächs und Weltall
Entstehung
Seite
356
Einzelbild herunterladen
 

Entsprechenden und Befreundeten zu folgen. Denn an sich oder an seinemrechten Orte ist nichts schwer oder leicht, gleichwie das Haupt oder der Armden eigenen Leib nicht belasten, sondern nur dann tritt solches ein, wenn einKörper losgelöst von seinem Ganzen oder Elemente sich wie in der Ferne be-findet: in der Tiefe des Meeres drückt sich das Wasser nicht, wenn wir es aberin die Luft bringen, dann strebt es abwärts und sinkt zu Boden. Die Sterneaber sind die Glieder des Universums, und wie sie den Geschöpfen auf ihnenLeben und Nahrung geben, so haben sie noch viel mehr das Leben in sich, unddarum bewegen sie sich aus natürlichem Willen gegeneinander. Die kalten be-dürfen der Wärme, die feurigen der Erfrischung, und beides gewinnen sievoneinander. Sie sind nicht fest, noch werden sie von einem äußeren Bewegergetrieben, was ein mühsam unwürdiges Geschäft wäre, sondern wie Pflanzenund Tiere, wie Mann und Weib zueinander hinstreben, wie jede Sache ihres-gleichen zu finden geht und ihr Gegenteil flieht, so bewegen sich auch die Welt-körper, so zieht der Magnet das Eisen an, und es wird von einem Lebenshauch,der vom Magnet ausströmt, ein Sinn im Eisen erweckt. Pflanzen und Tieresind lebendige Bilder der Natur, welche nichts anderes ist, als Gott in den Dingen,in einem Jeglichen nach dessen Fassungskraft offenbar. So hat alles am Lebenteil, und unzählige Individuen leben nicht bloß in uns, sondern in allen zu-sammengesetzten Dingen, und wo wir sagen, daß etwas stürbe, da ist dies nurein Hervorgang zu neuem Dasein, eine Auflösung dieser Verbindung, die zu-gleich das Eingehen in eine neue ist. Dies gilt von den körperlichen wie von dengeistigen Wesen. Nichts mag vom allumfassenden Ganzen weggerissen werden;der eine unendliche Beweger, in dem alles lebt, webt und ist, läßt alles umseiner Fortentwicklung willen sich bewegen.

Die Veränderungen der Dinge sind so beständig und gesetzmäßig, wie der Laufder Gestirne. Keine äußere Macht treibt sie, sondern die Natur ist die innereWerkmeisterin, die durch eingeborene Weisheit als lebendige Kunst ihre eigeneMaterie, das heißt sich selbst, gestaltet. So gibt es eine Mannigfaltigkeit derDinge, es gibt Stufen und Grade, aber jedes ist in seiner Art vollkommen, undes ist keine Unvollkommenheit, daß sie einander bedürfen, da sie ja einanderfinden und ergänzen und in dieser Wechselbeziehung ein Ganzes ausmachen.(Moritz Carriere, Die philosophische Weltanschauung der Reformationszeit,

1847O

BESCHEIDUNG VOR DER GRÖSSE DER NATUR

Die Wahrheit ist weder hier noch da. Sie ist, wie die Gottheit und das Licht,worin sie wohnt, allenthalben: ihr Tempel ist die Natur, und wer nur fühlen undseine Gefühle zu Gedanken erhöhen und seine Gedanken in ein Ganzes zusammenfassen und ertönen lassen kann, ist ihr Priester, ihr Zeuge, ihr Organ. Keinemoffenbart sie sich ganz, jeder sieht sie nur stückweise, nur von hinten oder nurden Saum ihres Gewandes aus einem anderen Punkt, in einem anderen Lichte:jeder vernimmt nur einige Laute ihres Göttermundes, keiner die nämlichen.Und was haben wir also zu tun?

Anstatt miteinander zu hadern, wo die Wahrheit sei, wer sie besitze, wer siein ihrem schönsten Lichte gesehen, die meisten und deutlichsten Laute von ihrvernommen habe lasset uns in Frieden zusammengehen oder, wenn wir

356