3. TAGES- UND JAHRESZEITEN
FAHRT IM FRÜHLING
Ich habe einen wahren Triumphzug durch einen großen Teil Frankreichsgemacht, durch die Provence und Dauphine, über Aix, Gap, Grenoble undVienne, über die Durance und Isere: einen Zug durch den schönsten Frühling,durch leuchtende Tage und duftende Nächte. Ach, das junge Grün des Früh-lings ist doch noch anders als jenes stille, schwarze und schwermütige desimmergrünen Winterlaubes in den römischen Villen, es ist so voll Hoffnung,voll Sehnsucht und dennoch voll Erfüllung. Ich habe dieses Jahr keinenWinter zu überstehen gehabt, und doch ist es, als lebte ich wieder auf, undich weiß nicht, wie mir geschieht. Der Frühling ist das ewige Gleichnis allerWiederkehr, jedes Ersetzens. Da wir alles in der Zeit anschauen müssen unddie Zeit nichts ist als fortwährender Untergang, so war die Erhaltung nurdurch Rollen in sich selbst, durch den Kreislauf möglich: damit wir in demSchwünge der Dinge ewig den Morgen, den Frühling behielten, muß er ewigverschwinden, um ewig wiederzukehren. Ganz Frankreich ist mit Frucht-bäumen bedeckt, ist ein großer Obstgarten. Jeder Acker trägt über seinerSaat Apfel- und Pflaumenbäume, Nußbäume und Maulbeerbäume, Pfirsich-bäume und Feigen. Und so weit das Auge reichte, so schnell mich der Post-wagen fortführte, überall dichter Blütenschnee auf allen Zweigen. GanzFrankreich ist auch mit Alleen geschmückt, die eine innige Freude an derNatur pflanzte, jeder Weg ist mit Pappeln besetzt, jedes Städtchen von Reihenschattiger, frühbelaubter Kastanien umgeben. Und wie duftete jetzt diesesjunge erste Laub, vorzüglich abends, wenn die sinkende Sonne lange Streifenund riesenhafte Schatten über hellerglänzende Auen zog, und früh morgens,in der tauigen Frische der ersten Stunden des Tages! Wenn die Kastanienschon luftig säuselten mit ihren breitgezackten Blättern, die wie segnendeHände über der brennenden Stirne des Wanderers schweben, der in ihreSchatten flüchtete, so waren die Ulmen, die Pappeln erst von gelbem Schimmerkaum keimender Blätter übergössen und nur in heißen Tälern schon hellgrünbekleidet.
Der reinste Himmel verklärte während dieser Reisetage das herrliche Land.Ich wurde nicht müde, in seine Ferne zu dringen, an dem verschwimmendenDunst seiner Ränder zu hängen, der, aus lauter Blütenrauch gebildet, diehohen Felslinien in sein Gewoge zog. Es war noch einmal jener südlicheHimmel, den ich nun auf immer verlassen habe, und der wohl nur in denschönen Tagen des April und Mai so köstlich wie in Neapel über Mittelfrank-reich sich spannt. Nur einen Abend sah ich gegen Norden leichte, ganz ausLicht geballte Wölkchen in der kristallenen Himmelsglocke schweben, jenerersten Liebesschwermut gleich, die ihre dunklen Flecke in die frohsinnigeMädchenseele eines fünfzehnjährigen Kindes wirft. Die Nächte waren soWarm, daß ich sie in offenem Wagen mit entblößtem Kopfe halb verschlum-rcierte, summende Bienen, hochwirbelnde Lerchen, hier in der weiten Tal-welle glänzende, dichte Saat, dort der Landmann mit der Schaufel die rötliche
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