2. ERDRAUM UND BILDNERWILLE
ERDGEBUNDENES DASEIN
Wie der Zirkel die vollkommenste Figur ist, indem er unter allen Gestalten diegrößte Fläche in der leichtesten Konstruktion einschließt und bei der schönstenEinfalt die reichste Mannigfaltigkeit mit sich führt, so ist unsere Erde, so sindalle Planeten und Sonnen, als Kugelgestalten, mithin als Entwürfe der ein-fachsten Fälle, des bescheidensten Reichtums aus den Händen der Natur ge-worfen. Erstaunen muß man über die Vielheit der Abänderungen, die auf un-serer Erde wirklich sind, noch mehr erstaunen aber über die Einheit, der dieseunbegreifliche Mannigfaltigkeit dient. Es ist ein Zeichen der tiefen nordischenBarbarei, in der wir die Unsrigen erziehen, daß wir ihnen nicht von Jugend aufeinen tiefen Eindruck dieser Schöne, der Einheit und Mannigfaltigkeit aufunserer Erde geben. Ich wünschte, mein Buch erreichte nur einige Striche zurDarstellung dieser großen Aussicht, die mich seit meiner frühesten Selbst-bildung erfaßt hat und mich zuerst auf das weite Meer freier Begriffe führte.Sie ist mir auch solang heilig, als ich diesen alles umwölbenden Himmelüber und diese alles fassende, sich selbst umkreisende Erde unter mir sehe.Unbegreiflich ists, wie Menschen so lange den Schatten ihrer Erde im Mondsehen konnten, ohne zugleich es tief zu fühlen, daß alles auf ihr Umkreis, Radund Veränderung sei. Wer, der diese Figur je beherzigt hätte, wäre hingegangen,die ganze Welt zu einem Wortglauben in Philosophie und Religion zu bekehren,oder sie dafür mit dumpfem, aber heiligem Eifer zu morden? Alles ist auf un-serer Erde Abwechslung einer Kugel, kein Punkt dem anderen gleich, keinHemisphär dem anderen gleich, Ost und West so sehr einander entgegen alsNord und Süd. Es ist eingeschränkt, diese Abwechslung bloß der Breite nachberechnen zu wollen, etwa weil die Länge weniger ins Auge fällt und nacheinem alten ptolemäischen Fachwerk von Klimaten auch die Menschenge-schichte zu teilen. Den Alten war die Erde minder bekannt, jetzt kann sieuns zu allgemeiner Übersicht und Schätzung mehr bekannt sein, als alleindurch nord- und südliche Grade.
Alles ist auf der Erde Veränderung, hier gilt kein Einschnitt, keine notdürftigeAbteilung eines Globus oder einer Karte. Wie sich die Kugel dreht, drehensich auch auf ihr die Köpfe, wie die Klimaten, Sitten und Religionen, wie dieHerzen und Kleider. Es ist eine unsägliche Weisheit darin, nicht, daß alles sovielfach, sondern daß auf der runden Erde alles noch so ziemlich unison ge-schaffen und gestimmt ist. In diesem Gesetz: viel mit Einem zu tun und diegrößte Mannigfaltigkeit an ein zwangloses Einerlei zu knüpfen, liegt eben derApfel der Schönheit.
Ein sanftes Gewicht knüpft die Natur an unseren Fuß, um uns diese Einheitund Stetigkeit zu geben, es heißt in der Körperwelt Schwere, in der GeisterweltTrägheit. Wie alles zum Mittelpunkt drängt und nichts von der Erde hinwegkann, ohne daß es je von unserem Willen abhänge, ob wir darauf leben undsterben wollen, so ziehet die Natur auch unseren Geist von Kindheit auf mitstarken Fesseln jeden an sein Eigentum, das ist an seine Erde, denn was hätten
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