NATURBETRACHTUNG
MENSCHLICHE GESTALTUNG DER NATUR BEI DEN GRIECHEN
Wir können auf die Sinnesart der alten Völker nur aus den Äußerungen derNaturgefühle schließen, welche in den Überbleibseln ihrer Literatur ausge-sprochen sind, wir müssen daher diesen Äußerungen um so sorgfältiger nach-spüren und sie um so vorsichtiger beurteilen, als sie sich unter den großenFormen der lyrischen und epischen Dichtung nur sparsam darbieten. In demhellenischen Altertum, in dem Blütenalter der Menschheit, finden wir aller-dings den zartesten Ausdruck tiefer Naturempfindung den dichterischen Dar-stellungen menschlicher Leidenschaft, einer der Sagengeschichte entnommenenHandlung beigemischt, aber das eigentlich Naturbeschreibende zeigt sich dannnur als ein Beiwerk, weil in der griechischen Kunstbildung sich alles gleichsamim Kreise der Menschheit bewegt.
Beschreibung der Natur in ihrer gestaltenreichen Mannigfaltigkeit, Natur-dichtung als ein abgesonderter Zweig der Literatur war den Griechen völligfremd. Auch die Landschaft erscheint bei ihnen nur als Hintergrund eines Ge-mäldes, vor dem menschliche Gestalten sich bewegen. Leidenschaften in Tatenausbrechend fesselten allein den Sinn. Ein bewegtes öffentliches Volkslebenzog ab von der dumpfen schwärmerischen Versenkung in das stille Treiben derNatur, ja, den physischen Erscheinungen wurde immer eine Beziehung auf dieMenschheit beigelegt, sei es in den Verhältnissen der äußeren Gestaltung oderder inneren anregenden Tatkraft. Fast nur solche Beziehungen machten dieNaturbetrachtung würdig, unter der sinnigen Form des Gleichnisses, als abge-sonderte kleine Gemälde voll objektiver Lebendigkeit, in das Gebiet der Dichtunggezogen zu werden.
Zu Delphi wurden Frühlingspäane gesungen, wahrscheinlich bestimmt, dieFreude des Menschen nach der überstandenen Not des Winters auszudrücken.Eine naturbeschreibende Darstellung des Winters ist den Werken und Tagendes Hesiodus (vielleicht von der fremden Hand eines späteren ionischen Rhap-soden?) eingewebt. In edler Einfachheit, aber in nüchtern didaktischer Formgibt dies Gedicht Anweisungen über den Feldbau, Erwerbs- und Arbeitsregeln,ethische Mahnungen zu tadellosem Wandel. Es erhebt sich ebenfalls zu mehrlyrischem Schwünge nur, wenn der Sänger das Elend des Menschengeschlechtsoder die schöne allegorische Mythe des Epimetheus und der Pandora in einanthropomorphisches Gewand einhüllt. Auch in der Theogonie des Hesiodus,die aus sehr verschiedenen uralten Elementen zusammengesetzt ist, finden sichmehrfach, zum Beispiel bei Aufzählung der Nereiden, Naturschilderungen desneptunischen Reiches unter bedeutsamen Namen mythischer Personen ver-steckt. Die böotische Sängerschule und überhaupt die ganze alte Dichtkunstwenden sich den Erscheinungen der Außenwelt zu, um sie menschenartig zupersonifizieren.
Ist, wie soeben bemerkt, Naturbeschreibung, sei sie Darstellung des Reich-tums und der Üppigkeit tropischer Vegetation, sei sie lebensfrische Schilderung
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