2. PFLANZEN UND TIERE
URWILLIGKEIT DES WACHSTUMS
Wie ein Sonnenstäubchen entstehe, begreifen wir nicht, wir fassen es nicht,nach welchen Gesetzen die Elemente sich zu Weltkugeln ballten, es bleibt unsunergründlich, wie Kalk und Ton und Eisen, überall so reichlich gespendet, ausder Verbindung ihrer Grundstoffe wurden, und wir erblicken mit heiligemSchauer den Abgrund zwischen zweien Welten, von denen eine uns verborgenist, sooft wir uns das erste Werden der organischen Schöpfung versinnlichenwollen. Nur diese einzige Vorstellung bleibt uns übrig: wie einst an tausendMillionen Punkten zugleich eine solche Mischung der Elemente entstand, wo-durch die Formation der Mineralien möglich und wirklich ward, so kam einZeitpunkt, wo jene anderen Kräfte, von denen die organische Bildung abhängt,überall in Wirksamkeit gerieten. Die Oberfläche der Erde bedeckte sich mitGräsern, Kräutern und Bäumen, und auch im Pflanzenreiche wurden gewisseFormen — nach menschlicher Weise zu reden — von der Natur leichter hervor-gebracht. Tausende von diesen sproßten in verschiedenen Punkten des Erd-reichs auf, für Eine, die ihr Entstehen einer bloß lokalen Modifikation ver-dankte. Vereinzelt konnten wenigstens weder Tier- noch Pflanzenarten ent-stehen, sonst wäre die organische Schöpfung im Augenblick ihres Werdensverschwunden. Den Zeugungskräften, der Unerschöpflichkeit, dem Reich-tume der Natur ist das einfache, erhabene Bild des Unbegreiflichen angemessen:„Die Erde lasse aufgehen Gras und Kraut, das sich besame nach seiner Art"— und weiter: — „es errege sich das Wasser mit webenden und lebendigenTieren!" —
Wenn in den Wäldern von Kanada im Schatten jener einheimischen Bäume,die jedem anderen Erdboden fremd sind, hin und wieder einige Pflänzchenaufsprossen, die auch im Norden von Europa angetroffen werden, was nötigtuns, sie von den Wesen ihrer Art in unserem Weltteil abstammen zu lassen?Was hindert uns, zu glauben, daß dieselbe unbekannte Energie, wodurch ge-rade diese Formen bei uns sich erzeugten, einst auch jenseits des AtlantischenMeeres wirksam gewesen sei? Welch einen Vorzug haben die schwedischenund deutschen Heiden vor den kanadischen, daß, wenn auf beiden einerleiPflanzen sich unter verschiedenartigen eingemischt finden, wir die ameri-kanischen von europäischen Samen herleiten sollten? Unstreitig ist es nichtschwerer, sich zu denken, wie in Kanada ein Wintergrün zwischen den Wur-zeln der Weymouths-Kiefer oder der Sproßtanne und durch dieselbe Kraft mitdiesen, als wie es in Deutschland unter den gemeinen Kiefern und Weißtannenund durch dieselbe Kraft mit diesen zuerst hervorgehen konnte. Wo die Natures vermochte, den Erdboden mit Millionen Weymouths-Kiefern, Weißzedern,Sproßtannen zu schmücken, konnte es ihr ein leichtes sein, zugleich anderePflanzengestalten zu bilden, die vermöge einer völligen Ähnlichkeit der Um-stände auch in unserem Weltteil entstanden.-------Wie die Natur von einer
Seite sparsam und einfach genannt werden darf, so ist sie auch in einer anderenHinsicht verschwenderisch und von unendlicher Mannigfaltigkeit. Wer im
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