einander unter dem tausendstimmigen Gesang der Vögel Kränze wanden, be-merkten sie einen neuen Vorzug des Gartens, welcher ihnen über den anderenSchönheiten desselben bis jetzt entgangen war. Sie sahen nämlich eine Mengeder verschiedensten Tierarten, hier Kaninchen, dort Hasen, dort Rehe, dortjunge Hirsche und außerdem noch viele andere arglose Geschöpfe, welche sichfriedlich und heiter umhertummelten und durch ihre Munterkeit und Lust dasVergnügen der Gesellschaft erhöhten."
Man sieht: Hier ist die Natur lediglich als der farbige paradiesisch heitere Hin-tergrund einer vornehmen Gesellschaft geschildert, zu unwirklicher Schön-heitlichkeit gesteigert, mit allen Tributen der Ideallandschaft ausgestattet.Und nicht anders erscheint die Naturauffassung in der Philosophie des Tre-cento: Die trecentistische Erneuerung des Nominalismus, die vermehrte Natur-beobachtung, die Konstituierung der Philosophie als weltliche Wissenschaftdes Tatsächlich-Wirklichen erfolgte ja noch durchaus innerhalb des schola-stischen Systems und ohne revolutionäre Tendenzen, wie im Quattrocento.Alle diese Erscheinungen hat man wohl als Vorbereitungen der Renaissanceangesprochen. Das Bild ändert sich aber, wenn man sie als in sich ruhend nachihrem Stile auffaßt, der nach rückwärts hineinreicht in die raffinierte undbarocke Endphase des gotischen Stiles, nach vorn hineingeht in den Naturalis-mus der Renaissanceaufklärung. So müssen wir — nicht aus Freude am Eti-kettieren, sondern weil sich uns hiermit Wesensbestimmungen verbinden —die Naturanschauung des Trecento als spätgotisch bezeichnen: spät ist vorallem das größere Maß, man möchte sagen, die größere Quantität des Natur-schilderns, des landschaftlichen Schwelgens, gotisch die Stilisierung der Natur,ihre abstrakt typisierende Darstellung. Erst am Ende des Jahrhunderts be-ginnt sich aus der spätgotischen Schmuckkultur ein neues, sachliches Natur-interesse herauszulösen, das wir als renaissancehaft bezeichnen dürfen unddas anfangs noch durchaus neben spätgotischer Natursymbolik und Stili-sierung einhergeht. Auch in den Briefen des Äneas Silvio kehrt noch einmaldie unter dem Einfluß der römischen Bukoliker stehende spätgotische Ideal-landschaft wieder. Spätgotische und frührenaissancehafte Naturanschauungunterscheiden sich oft nur sehr zart und mit fließenden Übergängen:„Dort gab es Blumenwiesen, Bäche, in denen Milch und Wein floß, kühleQuellen, Seen voller Fische, liebliche Badeplätze, dichte Haine, immer trau-benbeladene Weingärten und ewig herbstliche Bäume, wie sie die Gärten derHesperiden oder die Phäaken besessen haben sollen. In den Wäldern gab esObst, dessen Duft schon genußreich war, friedliches, leicht zu fangendes Wild,jagdbare und Singvögel . . . Unter den Bäumen standen Tische bereit, ge-schmückt mit edelsteinbesetzten Gefäßen und goldenen Schalen. Kein Falernerist dem Wein vergleichbar, der dort aus dem natürlichen Quell sprudelt, ringsfließt Honig, und das Röhricht ist voll Zucker. Allerlei Gewürz fällt von denBäumen, Gold und Silber sind dort unerschöpflich. Kostbare Steine hängenwie Kirschen in den Wäldern. Schöne Mädchen und feine Jünglinge führendort ewige Reigentänze auf. Was es an Musik gibt, das ertönt dort." (HansHeß, Die Naturanschauung der Renaissance in Italien, 1924.)
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