zweige gedacht ist, welche fromme Pilger auf der Schulter tragen sollen. Ich er-innere mich auch nicht, daß die herrliche Natur Italiens die Phantasie derMinnesänger angeregt habe, welche die Alpen überstiegen. Walther von derVogelweide, der weit umhergezogen, hatte nur den Po gesehen, aber Freidankwar in Rom. Er bemerkt bloß, daß in den Palästen derer, welche sonst dortherrschten, Gras wachse. (Alexander von Humboldt, Kosmos, 1845/1850.)
SPÄTGOTISCHE GARTENFREUDE
Es gehören die Landschaftsschilderungen Boccaccios in den Kreis der spät-gotischen Ideallandschaften. Von unwirklicher, utopischer Pracht ist der Waldim „Ameto" — nicht ein charakteristischer Ausschnitt aus der Natur, sondernein idealer Hain, wie ihn sich wohl eine Bukolik erträumt. Die Gartenschilde-rung der Liebesvision zeigt — in gleichem Maße etwa wie der mittelalterlicheRosenroman — in der Verwendung konventioneller Motive: der klaren Brünn-lein, des herzerfreuenden Gesangs der Vöglein, des Brunnens, die Nachwirkungder antik-byzantinischen Tradition des Liebesromans. Wir geben ein Bei-spiel mit der berühmten Schilderung aus dem dritten Tage des Dekamerone:„Rings umher und auch mittendurch zogen sich breite und schnurgeradeWege, die, mit Laubengängen von Wein überwölbt, für dieses Jahr Traubenin Menge versprachen, denn zahllose Rebenblüten verbreiteten einen so lieb-lichen Duft durch den ganzen Garten, daß die Gesellschaft, von noch tausendanderen Wohlgerüchen umgeben, wähnte, sie befinde sich im Paradiese. DieSeiten jener Gänge waren mit Hecken und von weißen und roten Rosen undvon Jasmin fast ganz umschlossen, so daß man dort nicht nur am frühenMorgen,-sondern auch in der heißesten Mittagsglut, ohne von der Hitze be-lästigt zu werden, in dem duftigen Schatten lustwandeln und sich dabei dererquickendsten Kühlung erfreuen konnte. Ich würde zu viele Worte machenmüssen, um alle die Pflanzen und Blumen zu schildern, die in tausendfacherAbwechslung die verschiedenen Räume des Gartens schmückten, und kann nurso viel sagen, daß von allen, die für unser Klima passen, dort die seltenstenund allerschönsten im Überflusse vorhanden waren. Nicht minder anmutig,sondern vielleicht das Schönste im ganzen Garten, war ein Rasenplatz in derMitte mit ganz dunkelgrünem Grase. Auf ihm prangten tausenderlei bunteBlumen, und rings umher stand eine Reihe von schlanken Zedern und hohenPomeranzenbäumen, die mit ihren reifen und grünen Früchten und mit ihrenSilberblüten sowohl das Auge, als den Geruch erquickten. In der Mitte diesesWiesenplatzes befand sich ein Wasserbecken von weißestem, mit herrlichenSkulpturen geziertem Marmor. Auf einer Säule erhob sich dort eine Gestalt,die, ich weiß nicht, ob durch natürliche Kraft oder eine künstliche Vorrich-tung, einen so mächtigen Wasserstrahl emporschleuderte, daß er eine Mühlehätte treiben können, welcher aber dann mit dem angenehmsten Plätschern inden klaren Behälter zurückfiel. Das Wasser, welches aus dem Becken über-floß rann darauf in verborgenen Rinnen unter dem Rasen hin und rieselteweiter draußen wieder hervor, wo es in künstlich angelegten Gräben die Wieseumgab. . . . Indem sie nun dort in heiterster Stimmung lustwandelten und sich
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