des Menschen vom Sichtbaren zum Unsichtbaren erheben. Wenn er in derSage von der Weltschöpfung die „Schönheit des Meeres" preisen will, so be-schreibt er den Anblick der grenzenlosen Fläche in ihren verschiedenen, wech-selnden Zuständen: „wie sie, vom Hauch der Lüfte sanft bewegt, vielfarbig, baldweißes, bald blaues, bald rötliches Licht zurückwirft, wie sie die Küste liebkostin ihren friedlichen Spielen". Dieselbe sentimental schwermütige, der Naturzugewandte Stimmung finden wir bei Gregorius von Nyssa, dem Bruder desgroßen Basilius. „Wenn ich", ruft er aus, „jeden Felsrücken, jeden Talgrund,jede Ebene mit neuentsprossenem Grase bedeckt sehe, dann den mannigfaltigenSchmuck der Bäume und zu meinen Füßen die Lilien, doppelt von der Naturausgestattet mit Wohlgeruch und mit Farbenreiz, wenn ich in der Ferne sehedas Meer, zu dem hin die wandelnde Wolke führt, so wird mein Gemüt vonSchwermut ergriffen, die nicht ohne Wonne ist. Verschwinden dann imHerbste die Früchte, fallen die Blätter, starren die Äste des Baumes ihresSchmuckes beraubt, so versenken wir uns (bei dem ewig und regelmäßigwiederkehrenden Wechsel) in den Einklang der Wunderkräfte der Natur. Werdiese mit dem sinnigen Auge der Seele durchschaut, fühlt des Menschen Klein-heit bei der Größe des Weltalls."
Leitete eine solche Verherrlichung Gottes in liebevoller Anschauung der Naturdie christlichen Griechen zu dichterischen Naturschilderungen, so waren sie da-bei auch immer, in den früheren Zeiten des neuen Glaubens, nach der Eigen-tümlichkeit ihrer Sinnesart, voll Verachtung aller Werke der menschlichenKunst. Chrysostomos sagt in unzähligen Stellen: „Siehst du schimmernde Ge-bäude, will dich der Anblick der Säulengänge verführen, so betrachte schnelldas Himmelsgewölbe und die freien Felder, in welchen die Herden am Ufer derSeen weiden. Wer verachtet nicht alle Schöpfungen der Kunst, wenn er in derStille des Herzens früh die aufgehende Sonne bewundert, indem sie ihr goldenes(krokusgelbes) Licht über den Erdkreis gießt, wenn er, an einer Quelle imtiefen Grase oder unter dem dunklen Schatten dicht belaubter Bäume ruhend,sein Auge weidet an der weiten, dämmernd hinschwindenden Ferne?" (Alexan-der von Humboldt, Kosmos, 1845.)
GOTT-INNIGE LANDSCHAFT
Um zu zeigen, wie stark die Vagantenpoesie auf den Ausdruck des Naturge-fühls eingewirkt hat, soll hier ein Brief folgen, der eine Landschaftsschilderungenthält; sein Verfasser ist ein Mönch des Klosters Clairvaux:„Wenn du die Lage von Clairvaux zu kennen wünschest, so soll diese Schriftdir als Spiegel dienen. Zwei Berge beginnen nicht fern von der Abtei, anfangsnur durch das dazwischenliegende enge Tal getrennt, dehnen sie ihre Enge zuimmer größerem Abstand aus, je näher sie der Abtei kommen, der eine nimmtdie halbe, der andere die ganze Seite der Abtei ein. Der eine ist fruchtbar anWeinbergen, der andere reich an Früchten, angenehm für den Anblick und denNutzen, gewährt er uns Vorteile, da an dem abfallenden Hang des einen wächst,was zum Essen, an dem des anderen, was zum Trinken dient. Auf der Spitzedes Berges gibt es für die Mönche häufig Arbeit, freilich eine liebliche und
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