FRÜHCHRISTLICHE FLUCHT ZUR NATUR
Aus Cesaria in Kapadozien gebürtig, hat Basilius, nicht viel über 30 Jahre alt,dem heiteren Leben zu Athen entsagt, auch schon die christlichen Einsiedeleienin Cölesyrien und Oberägypten besucht, als er sich nach Art der vorchristlichenEssener und Therapeuten in eine Wildnis am armenischen Flusse Iris zurück-zog. Dort war sein zweiter Bruder Naucratius nach fünfjährigem strengenAnachoretenleben beim Fischen ertrunken. „Ich glaube endlich", schreibt eran Gregorius von Nazianz, „das Ende meiner Wanderungen zu finden. DieHoffnung, mich mit Dir zu vereinigen, ich sollte sagen, meine süßen Träume(denn mit Recht hat man Hoffnungen Träume des wachenden Menschen ge-nannt) sind unerfüllt geblieben. Gott hat mich einen Ort finden lassen, wie eruns beiden oft in der Einbildungskraft vorgeschwebt. Was diese uns in weiterFerne gezeigt, sehe ich jetzt vor mir. Ein hoher Berg, mit dichter Waldung be-deckt, ist gegen Norden von frischen, immer fließenden Wassern befeuchtet.Am Fuß des Berges dehnt sich eine weite Ebene hin, fruchtbar durch die Dämpfe,die sie benetzen. Der umgebende Wald, in welchem sich vielartige Bäume zu-sammendrängen, schließt mich ab wie eine feste Burg. Die Einöde ist von zweitiefen Talschluchten begrenzt. Auf der einen Seite bildet der Fluß, wo er vomBerge schäumend herabstürzt, ein schwer zu überschreitendes Hindernis, aufder anderen verschließt ein breiter Bergrücken den Eingang. Meine Hütte aufdem Gipfel ist so gelegen, daß ich die weite Ebene überschaue, wie den ganzenLauf des Iris, welcher schöner und wasserreicher ist, als der Strymon beiAmphipolis. Der Fluß meiner Einöde, reißender als irgendeiner, den ich kenne,bricht sich an der vorspringenden Felswand und wälzt sich schäumend in denAbgrund: dem Bergwanderer ein anmutiger, wundervoller Anblick, den Einge-borenen nutzbar zu reichlichem Fischfang. Soll ich Dir beschreiben die be-fruchtenden Dämpfe, welche aus der (feuchten) Erde, die kühlen Lüfte, welcheaus dem (bewegten) Wasserspiegel aufsteigen? soll ich reden von dem lieblichenGesang der Vögel und der Fülle blühender Kräuter? Was mich vor allem reizt,ist die stille Ruhe der Gegend. Sie wird bisweilen nur von Jägern besucht; dennmeine Wildnis nährt Hirsche und Herden wilder Ziegen, nicht eure Bären undeure Wölfe. Wie möchte ich einen anderen Ort mit diesem vertauschen! Alk-mäon, nachdem er die Echinaden gefunden, wollte nicht weiter umherirren."Es sprechen sich in dieser einfachen Schilderung der Landschaft und des Wald-lebens Gefühle aus, welche sich mit denen der modernen Zeit inniger verschmel-zen, als alles, was uns aus dem griechischen und römischen Altertume über-kommen ist. Von der einsamen Berghütte, in die Basilius sich zurückgezogen,senkt sich der Blick auf das feuchte Laubdach des tief liegenden Waldes. DerRuhesitz, nach welchem er und sein Freund Gregorius von Nazianz solangesich gesehnt, ist endlich gefunden. Die dichterisch-mythische Anspielung amEnde des Briefes erklingt wie eine Stimme, die aus einer anderen früherenWelt in die christliche hinüberschallt.
Auch des Basilius Homilien über das Hexaemeron zeugen von seinem Natur-gefühl. Er beschreibt die Milde der ewig heiteren Nächte in Kleinasien, wo,wie er sich ausdrückt, die Sterne, „die ewigen Blüten des Himmels", den Geist
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