ohne Quelle und ohne Ende, ruhig und gleichförmig fortfließe und immer wiederin sich selbst zurückkehre. Erst spätere Dichter gaben ihm eine Quelle amwestlichen Ende der Erde und ließen einen Teil seiner Gewässer, ebenfalls amwestlichen Erdende, unter dem Namen Styx in den Tartarus hinabfließen.Dieser letztere war ein weites Gewölbe im Innern der Erdscheibe und zumWohnsitz der abgeschiedenen Seelen oder der Schatten bestimmt. Der mittlereRaum der Erdoberfläche war vertieft und wurde von dem Mittelmeer oderPontus eingenommen. Um dieses herum lagen die verschiedenen, damals be-kannten Länder der Erde, und die Flüsse und Ströme ergossen sich in dasselbe.Damit das Wasser des Ozeans nicht in die Scheibe hereinbrechen möge, war siemit einem erhöhten Rande oder einer Bergkette umgeben. Über der Erd-scheibe war das Himmelsgewölbe zeltartig ausgespannt und ruhte auf demRande derselben. Der Raum zwischen dem Himmelsgewölbe und der Erdewar mit Äther und Luft erfüllt. Sonne, Mond und Sterne waren Gottheitenoder vergötterte Heroen, welche alltäglich aus dem Ozean an der Ostseite derErdscheibe emporstiegen, sich bogenförmig am Himmelsgewölbe hinbewegten,sich an der Westseite wieder in den Ozean hinabsenkten und dann um dieMitternachtsseite herum wieder nach Osten hinfuhren, um den Kreislauf vonneuem zu beginnen. Den mittleren Teil der Erdscheibe nahm das griechischeGebirge Olympos ein, auf dessen Gipfel die oberen Götter ihren Wohnsitzhatten, und von wo sie bisweilen zu den Menschen herabstiegen. Spätere Vor-stellungen versetzten den Olymp über das Himmelsgewölbe, in dessen Mittesich eine weite Öffnung befand, durch welche die Götter auf die Erdscheibeherabblicken konnten. Selbst später noch, als durch Reisen und Schiffahrtendie Kenntnis der Erde erweitert worden war, behielt man diese eingeschränkteVorstellungsart bei. Man dachte sich noch jetzt die Inseln des AtlantischenMeeres als außer dem Erdkreis liegend, und größere entferntere Inseln, wieBritannien und Taprobane (das heutige Zeylon) wurden von einigen für be-sondere Weltinseln jenseits des Ozeans gehalten, so daß die Sonne sich diesseitsderselben bewegte. Die nahe am Auf- und Untergang der Sonne wohnendenÄthiopier stellte man sich als halb verbrannt vor.
Thaies, einer der sogenannten Sieben Weisen Griechenlands, lehrte zuerst dieKugelgestalt des Himmels, welcher die Erde, wie die Schale eines Eies denDotter, einschließe. Die untere Hälfte der hohlen Himmelskugel wurde nachihm von einer Ungeheuern Wasserflut angefüllt, auf welcher die runde Erd-scheibe mit dem Schattenreich im Innersten und vielleicht auch mit demTartarus schwamm. Das durch die Last der Erde gedrückte Wasser schwollum den Rand des Erdkreises als Weltmeer empor, statt des bisherigen Okeanos,und gab allen Strömen der Erde ihr Wasser. Die Sonne und anderen Gestirnetauchten sich beim Untergange in dieses Meer und schwammen darauf um dennördlichen Rand der Erde bis wieder zum Aufgangspunkte herum. Anaxi-mander, ein Schüler des Thaies, stellte sich die Erde als eine Säule mit platterOberfläche vor, aber er ließ sie nicht von Wasser tragen, sondern sie mittenin der Himmelskugel schweben, so daß sie von derselben überall gleich weitentfernt wäre. Er lehrte ferner, daß die Sonne eine feurige Masse, größer als dieErde sei, und daß der Mond sein Licht von ihr erhalte. Auch verfertigte er be-
341