fast überall gleichzeitig der Anblick dessen, was in Kontakt und durchWechselwirkung der Elemente dem Naturbilde seinen Reichtum und seine er-habene Größe verleiht. Wie hätten auch jene sinnigen, glücklich gestimmtenVölker nicht sollen angeregt werden von der Gestalt waldbekränzter Fels-rippen an den tief eingeschnittenen Ufern des Mittelmeeres, von dem stillen,nach Jahreszeit und Tagesstunden wechselnden Verkehr der Erdfläche mitden unteren Schichten des Luftkreises, von der Verteilung der vegetabili-schen Gestalten? Wie sollte in dem Zeitalter, wo die dichterische Stimmungdie höchste war, sich nicht jegliche Art lebendiger sinnlicher Regung des Ge-müts in idealische Anschauung auflösen? Der Grieche dachte sich die Pflanzen-welt in mehrfacher mythischer Beziehung mit den Heroen und Göttern. Dieserächten strafend eine Verletzung geheiligter Bäume und Kräuter. Die Ein-bildungskraft belebte gleichsam die vegetabilischen Gestalten, aber die Formender Dichtungsarten, auf welche bei der Eigentümlichkeit griechischer Geistes-entwicklung das Altertum sich beschränkte, gestatteten dem naturbeschreiben-den Teile eine mäßige Entfaltung.
Einzeln bricht indes selbst bei den Tragikern mitten in dem Gewühl aufge-regter Leidenschaft und wehmütiger Gefühle ein tiefer Natursinn in begeisterteSchilderungen der Landschaft aus. Wenn ödipus sich dem Haine der Eume-niden naht, singt der Chor „den edlen Ruhesitz des glanzvollen Kolonos, wodie melodische Nachtigall gern einkehrt und in helltönenden Lauten klagt",er singt „die grünende Nacht der Epheugebüsche, die von himmlischem Taugetränkten Narzissen, den goldstrahlenden Krokus und den unvertilgbaren,stets selber sich wieder erzeugenden Ölbaum". Indem Sophokles seinen Ge-burtsort, den Gau von Kolonos, zu verherrlichen strebt, stellt er die hohe Ge-stalt des schicksalverfolgten, herumirrenden Königs an die schlummerndenGewässer des Kephissos, von heiteren Bildern sanft umgeben. Die Ruhe derNatur vermehrt den Eindruck des Schmerzes, welchen die hehre Gestalt des Er-blindeten, das Opfer verhängnisvoller Leidenschaft, hervorruft. Auch Euri-pides gefällt sich in der malerischen Beschreibung von „Messiniens und Lako-niens Triften, die, unter dem ewig milden Himmel, durch tausend Quellen-brunnen genährt, von dem schönen Pamisos durchströmt werden". (Alexandervon Humboldt, Kosmos, 1845.)
ANTIKE VORSTELLUNGEN VON ERDE UND WELTRAUM
Die Weisen des Altertums versuchten, der Erde alle möglichen Gestalten anzu-passen. Die Chaldäer dachten sie sich als einen flachen, ausgehöhlten, schwim-menden Kahn, und selbst noch unter den griechischen Philosophen gab esAnhänger und öffentliche Lehrer dieser Meinung. Der kleine Teil der Erd-oberfläche, welcher damals bewohnt und bekannt war, begünstigte freilichmancherlei sonderbare Vorstellungen dieser Art. In dem Zeitalter Homersund noch viele Jahrhunderte nach ihm betrachtete man die Erde als eine runde,ungefähr teller- oder schüsseiförmige, feststehende Scheibe, welche ringsumvon dem Ozean (Okeanos) umgeben sei. Dieser Ozean war aber nicht unserheutiges Weltmeer, sondern man dachte sich darunter einen großen Strom, der
340