der Sitten der Tiere, gleichsam nur in der neuesten Zeit ein abgesonderterZweig der Literatur geworden, so ist es nicht, als habe da, wo soviel Sinnlichkeitatmet, die Empfänglichkeit für das Naturschöne gemangelt, als müsse man da,wo die schaffende Kraft der Hellenen in der Poesie und in der bildenden Kunstunnachahmliche Meisterwerke erzeugte, den lebensfrischen Ausdruck eineranschauenden Dichternatur vermissen. Was wir nach dieser Richtung hin, imGefühl unserer modernen Sinnesart, in jenen Regionen der antiken Welt nurzu sparsam auffinden, bezeugt in seiner Negation weniger den Mangel derEmpfänglichkeit, als den eines regen Bedürfnisses, das Gefühl des Naturschönendurch Worte zu offenbaren. Minder der unbelebten Erscheinungswelt, als demhandelnden Leben und der inneren, spontanen Anregung der Gefühle zuge-wandt, waren die frühesten und auch die edelsten Richtungen des dichte-rischen Geistes episch und lyrisch. In diesen Kunstformen aber können Natur-schilderungen sich nur wie zufällig beigemischt finden. Sie erscheinen nichtals gesonderte Erzeugnisse der Phantasie. Je mehr der Einfluß der alten Weltverhallte, je mehr ihre Blüten dahinwelkten, ergoß sich die Rhetorik in die be-schreibende wie in die belehrende, didaktische Poesie. Diese war ernst, groß-artig und schmucklos in ihrer ältesten philosophischen, halbpriesterlichenForm als Naturgedicht des Empedokles, sie verlor allmählich durch die Rhe-torik von ihrer Einfachheit und früheren Würde.
Möge es uns erlaubt sein, um das allgemein Gesagte zu erläutern, hier bei ein-zelnen Beispielen zu verweilen. Wie der Charakter des Epos es erheischt, fin-den sich hier in den homerischen Gesängen immer nur als Beiwerk die an-mutigsten Szenen des Naturlebens. „Der Hirte freut sich der Windstille derNacht, des reinen Äthers und des Sternenglanzes am Himmelsgewölbe, er ver-nimmt aus der Ferne das Toben des plötzlich angeschwollenen, Eichenstämmeund trüben Schlamm fortreißenden Waldstroms." Mit der großartigen Schilde-rung der Waldeinsamkeit des Parnassos und seinen dunkeln, dick belaubtenFelstälern konstrastieren die heiter lieblichen Bilder des quellenreichen Pappel-haines in der Phäakeninsel Scheria, und vor allem das Land der Zyklopen.„Wo schwellend von saftreichem, wogendem Grase die Auen den ungepflegtenRebenhügel umgrenzen." Pindaros besingt in einem Frühlingsdithyrambus,den er zu Athen hat aufführen lassen, „die mit neuen Blüten bedeckte Erde,wenn in der Argeischen Nemea der sich zuerst entwickelnde Sprößling desPalmenbaums dem Seher den anbrechenden, duftenden Frühling verkündet",er besingt den Ätna, „die Säule des Himmels, Nährerin dauernden Schnees",aber eilend wendet er sich ab von der toten Natur und ihren Schauern, umHieron von Syrakus zu feiern und die siegreichen Kämpfe der Hellenen gegendas mächtige Volk der Perser.
Vergessen wir nicht, daß die griechische Landschaft den eigentümlichen Reizeiner innigeren Verschmelzung des Starren und Flüssigen, des mit Pflanzengeschmückten oder malerischfelsigen, luftgefärbten Ufers und des wellen-schlagenden, lichtwechselnden, klangvollen Meeres darbietet. Wenn anderenVölkern Meer und Land, das Erd- und Seeleben wie zwei getrennte Sphärender Natur erschienen sind, so ward dagegen den Hellenen, und nicht etwa bloßden Inselbewohnern, sondern auch den Stämmen des südlichen Festlandes,
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