Leute liefen in echt deutscher Art zum Magistrat und schrien nach Wasser,wie der Hirsch im Psalter.
Bei diesem Aderngeflecht von mehr als einem Dutzend Stadtbächen, demeigentlichen Heils- und Lebenswasser des Augsburger Großgewerbes, erweistaber ein Umstand ganz besonders die natürliche Notwendigkeit der Stadtlage.Nur auf dem mäßigen Räume des Augsburger Stadtgebietes war gleichzeitigeine solche Sammlung und Zerspaltung des Wasserlaufs möglich. Im ganzenoberen Donauland findet sich ein gleich günstiger Punkt nicht wieder. Auchdie neuesten Augsburger Fabrikanlagen beschränken sich durchaus auf dasMündungsdreieck von Lech, Wertach, Singold und Brunnenbach. Obgleichjetzt keine politische Schranke mehr wehren würde, Fabriken auf dem kaumeinen Büchsenschuß entfernten altbayerischen Boden anzulegen, blieb mandoch auf dem alten augsburgischen Gebiete, weil es allein der höchsten Gunstdes Wasserlaufes teilhaftig ist. So sprechen die vier Flußgötter am Augustus-brunnen in der Tat auch für unsere Zeit eine tiefe Wahrheit aus: die Wahr-heit, daß Augsburg die natürlichste und notwendigste Stadt auf weit und breitfür alle Epochen sei. Das stolzeste Bild, die imponierendste Ansicht Augs-burgs, zeichnet sich darum in wenigen Linien auf der hydrographischen Kartedes Stadtgebietes. — —
Es hat aber der Lech die Eigenart, daß er, kanalisiert, in und vor den Stadt-mauern Augsburgs dem fleißigen Gewerbsmann willig seine Dienste bietet,draußen aber im natürlichen Bett als reißender Hochgebirgsstrom unbändigdie Brücken abwirft, die Ufer scheidet und verheert. Den Bauer schädigt er,den Bürger macht er reich, nach außen wehrt er den Zugang zur Stadt, imInnern öffnet er dem Fleiße des Bürgers tausend Wege, ein Wehrstrom nachaußen, ein Nährstrom nach innen. Obgleich der Zusammenfluß von Lech undWertach hart unter Augsburg das geläufigste Stichwort gibt für die geo-graphische Lage der Stadt, so ist dieser merkwürdige Punkt doch fast unzu-gänglich, eine Wildnis mit dem abschreckenden Namen der „Schinderinsel",das nächste Haus heißt der „Wolfzahn", und nahe dabei residiert der Ab-decker. Unmittelbar aus einer Wüstenei von Geröllbänken und sumpfigenAuen mit Gestrüpp und Buschwald fließt der Lech in den Burgfrieden Augs-burgs, und sowie er diesen verläßt, begleitet ihn auch wieder die gleich wildeNatur. In früherer Zeit riß der Fluß aus dem Dickicht nahe vor dem Tore ein-mal einen Hirsch, das andere Mal gar ein Wildschwein mit sich fort und warfdie Bestien den ehrsamen Bürgern in die Stadt, und zwar direkt in den Brunnen-turm.
Man kann sagen, auf der ganzen weiten Strecke von Landsberg bis zur Mün-dung ist kein Punkt, wo der Lech dem Menschen freundlich gesinnt wäre, außerbei Augsburg. Dies ist wiederum ein natürliches Privilegium der natürlichenund gewordenen Stadt, wertvoller vielleicht als alle die vielen kaiserlichenPrivilegien, womit sie in alten.Tagen so reich begnadet wurde.Darum besaß der Lech für Augsburg niemals eine Handelsbedeutung, aber ofteine strategische und immer eine gewerbliche. Das turnierlustige Mittelalterhat zwar Schifferstechen auch auf diesem Flusse abgehalten, der niemals eineeigentliche Schiffahrt gehabt, heutzutage würde ein solcher Wettkampf bei
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