also ein Bild, dessen Farbenreichtum sowohl als dessen Formen das Auge ent-zücken. Bei Neapel ist alles Weite, ja, fast in Licht schwimmende Unendlich-keit, welche die Sinne mit sich fortreißt und dem zerteilten Blick keine Ruhe ge-statten will. Wo man nun auch seinen Standpunkt wählen mag, um Neapelanzuschauen, auf dem Kastell San Elmo, auf Camaldoli oder auf dem Vesuv
selber __• und dies sind die erhabensten Standpunkte für dieses wunderbarste
Panorama der Erde — überall wird sich Neapel selbst als Stadt formlos imUnendlichen verlieren, überall die Landschaft und das Meer übermächtig undbewältigend hervortreten. Die ungeheure Häusermasse, welche sich um denGolf ergossen hat, wirkt nicht durch ihre architektonischen Formen, sonderndurch die Vorstellung von schrankenloser Ausdehnung, welche hier das Men-schenleben in einer elysischen Natur genommen hat. Lage und Aussicht istdem Menschen hier genug, und es scheint, als hätte er in der Bewunderung soallbewältigender Herrlichkeiten und in der Entzückung an diesem Natur-schauspiele seine Hände in den Schoß gelegt und es aufgegeben, mit der Naturin erhabenen Werken zu wetteifern. Nichts strebt aus diesem HäusermeereNeapels auf, endlos dehnen sich die platten Dächer, ebensoviel Schauplätze,auf denen man des Anschauens froh werden kann. (Ferdinand Gregorovius,Siciliana, 1861.)
AUGSBURG
Augsburg ist eine Stadt, die von außen keine Ansicht bietet, man kann sie nurvon innen oder aus der Vogelperspektive landschaftlich fassen. Nicht vonaußen oder unten, sondern von oben herunter, vom Perlachturm herab, so er-zählen die Augsburger, hat Robert Peel Augsburg für die schönste Stadt inDeutschland erklärt; aber so undankbar ihre Lage für den Maler ist, so viel-verheißend für den Geographen. Mit einem Blick auf die Karte begreift manviel mehr die örtliche Notwendigkeit der weltberühmten Stadt, als mit hundertBlicken auf die Landschaft. Dieser Zug der versteckten Bedeutung, die mehrist als scheint, geht durch das ganze Wesen Augsburgs.Vier Flüsse lassen die alten Augsburger am Augustusbrunnen zu den Füßendes Imperators lagern, der ihre Stadt gegründet. Wer nicht ortskundig ist,der muß eine genaue Spezialkarte zur Hand nehmen, um diese vier Flüsseaufzufinden. Er entdeckt dann als dritten und vierten Fluß neben Lech undWertach die Singold und den Brunnenbach und lächelt darüber. DiesesLächeln ist aber voreilig. Denn die beiden Bäche repräsentieren nicht bloßihren eigenen Wasserfaden, sondern je einen ganzen Strang von kleinenParallelbächen ein ganzes Netz von Quellen, wodurch die Lech- und Wer-tachauen mit zahllosen nassen Gräben durchschnitten, die Stadt Augsburgnach außen verteidigt, nach innen mit dem reichsten Schatze nutzbaren Was-sers versehen wird.
Die rätselhaften Wasserzüge dieses Tafellandes sind ein wahrer Lustgartenfür den feinen Beobachter. Innerhalb der alten Stadtgrenze von Augsburg,kaum eine Stunde Wegs lechaufwärts, entspringen gut ein Dutzend kleinerBäche inmitten der Lechniederung fast auf gleicher Höhe und in der nächstenNachbarschaft des Flusses und laufen dann höchst eigensinnig unter sich und
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