nen auf Piedestalen zu stehen, aber es scheint auch nur: denn der Sockel istfünfmal durchschnitten, und jedesmal gehen fünf Stufen zwischen den Säulenhinauf, da man denn auf die Fläche gelangt, worauf eigentlich die Säulen stehenund von welcher man auch in den Tempel hineingeht. Das Wagstück, denSockel zu durchschneiden, war hier am rechten Platze; denn da der Tempelam Berge liegt, so hätte die Treppe, die zu ihm hinaufführte, viel zu weit vorge-legt werden müssen und würde den Platz verengt haben. Wieviel Stufen nochunterhalb gelegen, läßt sich nicht bestimmen; sie sind außer wenigen ver-schüttet und zugepflastert. Ungern riß ich mich von dem Anblick los undnahm mir vor, alle Architekten auf dieses Gebäude aufmerksam zu machen,damit uns ein genauer Riß davon zukäme. Denn was Überlieferung für einschlechtes Ding sei, mußte ich dieses Mal wieder bemerken. Palladio, auf denich alles vertraute, gibt zwar dieses Tempels Bild, er kann ihn aber nicht selbstgesehen haben, denn er setzt wirklich Piedestale auf die Fläche, wodurch dieSäulen unmäßig in die Höhe kommen und ein garstiges, palmyrenisches Un-geheuer entsteht, anstatt daß in der Wirklichkeit ein ruhiger, lieblicher, dasAuge und den Verstand befriedigender Anblick erfreut. Was sich durch dieBeschauung dieses Werks in mir entwickelt, ist nicht auszusprechen und wirdewige Früchte bringen.
Ich ging am schönsten Abend die römische Straße bergab, im Gemüt zumschönsten beruhiget. (Goethe, Italienische Reise, 1816/1817.)
GENUA • NEAPEL • PALERMO
Ich habe nun die drei herrlichsten Seestädte Italiens, Genua, Neapel und Pa-lermo gesehen, welche um den Vorzug ihrer Lage streiten, und kann sie alsomiteinander vergleichen. Unbezweifelt wird hier Neapel den Sieg davontragen;denn welche Stadt rühmte sich eines so klassischen und ungeheuren Amphi-theaters der Natur, eines solchen Golfes, des Vesuvs, der Küsten von Castella-mare und Sorrent und solcher zauberhaft schönen Inseln? Die Farbenpracht,die Größe und Weite dieses Totalbildes ist wohl ohnegleichen in der Welt, dieDimensionen sind so riesengroß, daß sie das Auge nicht zusammenfassen kann;ins Endlose scheint sich hier das Werk der Menschen wie die Natur auszu-dehnen und die schöne Erscheinung aus den Grenzen der Ferne in Licht undGlanz weithin sich aufzulösen. Man kann dies Totalbild Neapel nicht über-sehen, wenn man es aus der Nähe anschaut, es sondert sich dann gleich inGruppen. Um es ganz mit dem Blick zu umspannen, will es einen verkleinern-den Augenpunkt, die Perspektive aus der Höhe oder die aus der Meeresferne,wo dann die Formen der Stadt sich verlieren und nur die der Natur allein wirken.Dagegen gewähren die kleineren Seestädte Genua und Palermo die Anschauungeines übersichtlich von dem prächtigsten Rahmen umfaßten Gemäldes. Jenesamphitheatralisch mit seinen schönen Palästen und Landhäusern auf die Bergehinaufgestellt, dieses mit seinen Kuppeln und Türmen im üppigsten Tal ver-breitet und von braunen, ernsten, plastischen Bergen unbeschreiblich schöneingefaßt, welche zu beiden Seiten das Cap Pellegrino und das VorgebirgeZaffarana in nicht zu großer Weite in das Meer hinausstrecken. Sie machen
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