ein geschickter Architekt seine Restaurationsgabe wenigstens auf dem Papierversuchen sollte, unternahmen sodann, uns durch die Gärten eine Bahn nachder Stadt zu brechen. Allein, hier erfuhren wir, was ein Zaun von nebenein-ander gepflanzten Agaven für ein undurchdringliches Bollwerk sei: durch dieverschränkten Blätter sieht man durch und glaubt auch hindurchdringen zukönnen, allein die kräftigen Stacheln der Blattränder sind empfindliche Hin-dernisse; tritt man auf ein solches kolossales Blatt, in Hoffnung, es werde unstragen, so bricht es zusammen, und anstatt hinüber ins Freie zu kommen,fallen wir einer Nachbarpflanze in die Arme. Zuletzt entwickelten wir uns dochdiesem Labyrinthe, genossen weniges in der Stadt, konnten aber vor Sonnen-untergang von der Gegend nicht scheiden. Unendlich schön war es, zu be-obachten, wie diese in allen Punkten bedeutende Gegend nach und nach inFinsternis versank. (Goethe, Italienische Reise, 1816/1817.)
MINERVATEMPEL IN ASSISI
Ich verließ bei Madonna del Angelo meinen Vetturin, der seinen Weg nachFoligno verfolgte, und stieg unter einem starken Wind nach Assisi hinauf, dennich sehnte mich, durch die für mich so einsame Welt eine Fußwanderung an-zustellen. Die ungeheuren Substruktionen der babylonisch übereinander ge-türmten Kirchen, wo der heilige Franziskus ruht, ließ ich links, mit Abneigung;dann fragte ich einen hübschen Jungen nach der Maria della Minerva, er be-gleitete mich die Stadt hinauf, die an einem Berg gebaut ist. Endlich gelangtenwir in die eigentliche alte Stadt: und siehe, das löblichste Werk stand vor mei-nen Augen, das erste vollständige Denkmal der alten Zeit, das ich erblickte.Ein bescheidener Tempel, wie er sich für eine so kleine Stadt schickte,und doch so vollkommen, so schön gedacht, daß er überall glänzen würde.Nun vorerst von seiner Stellung! Seitdem ich in Vitruv und Palladio ge-lesen, wie man Städte bauen, Tempel und öffentliche Gebäude stellen müsse,habe ich einen großen Respekt vor solchen Dingen. Auch hierin waren dieAlten so groß im Natürlichen. Der Tempel steht auf der schönen mittlerenHöhe des Berges, wo eben zwei Hügel zusammentreffen, auf dem Platz, dernoch jetzt der Platz heißt. Dieser steigt selbst ein wenig an und es kommenauf demselben vier Straßen zusammen, die ein sehr gedrücktes Andreaskreuzmachen, zwei von unten herauf, zwei von oben herunter. Wahrscheinlichstanden zur alten Zeit die Häuser noch nicht, die jetzt, dem Tempel gegenübergebaut, die Aussicht versperren. Denkt man sie weg, so blickte man gegenMittag in die reichste Gegend, und zugleich würde Minervens Heiligtum vonallen Seiten her gesehen. Die Anlage der Straßen mag alt sein; denn sie folgenaus der Gestalt und dem Abhänge des Berges. Der Tempel steht nicht in derMitte des Platzes, aber so gerichtet, daß er dem von Rom Heraufkommendenverkürzt gar schön sichtbar wird. Nicht allein das Gebäude sollte man zeichnen,sondern auch die glückliche Stellung.
An der Fassade konnte ich mich nicht satt sehen, wie genialisch konsequentauch hier der Künstler gehandelt. Die Ordnung ist korinthisch, die Säulen-weiten etwas über zwei Model. Die Säulenfüße und die Platten darunter schei-
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