vollkommen vergessen, was Regelmäßigkeit heißt, und obwohl der Fürst aufseinen Weltwanderungen die Gärten mannigfachster Länder gesehen undstudiert hatte, obwohl er die italienischen Renaissancegärten fortwährendals vorbildlich im Munde führte, ist die Schöpfung seiner Gärten um das Hausein Unding und voll der bösesten Folgen gewesen. Schon der See, von dem ereine Seite des Schlosses begrenzen läßt, hat keinen Zug von der Größe, die inden Wasserpartien am Neißefluß im Parke überall herrscht. Die anderen Sei-ten des Gebäudes aber hat er mit sogenannten Blumengärten umgeben. Zumersten Male tritt uns hier in Deutschland die Teppichgärtnerei entgegen Beetedie „malerisch", das heißt ohne Ordnung und Plan, auf den Rasen ausgestreutsind, bald als Füllhorn, bald als Stern, bald als Blumenkorb oder Blumen-pyramiden, die nichts zu tun haben mit der Umgebung und selbst die Blumenin ihrer Mischung und Zusammendrängung häßlich und kleinlich erscheinenlassen. — Unter dieser traurigen Erfindung der Teppichgärtnerei hat das ganze19. Jahrhundert zu leiden gehabt. Es war zugleich einer der am meistenmißlungenen Versuche des 19. Jahrhunderts, etwas von der Heiterkeit deralten Parterres herüberzuretten und die Blumen, die sich mehr und mehr scheuaus der Nähe des Hauses hatten zurückziehen müssen, wieder dem Blick ausdem Fenster nahezubringen — das Resultat ist aber nur ein Zeichen der Bar-barei des Geschmackes. So steht Fürst Pückler da als der letzte der nach einerSeite mit feinem Sinne das Große und Bedeutsame des Landschaftsgartenslebendig erfaßt hat und doch als der erste das völlige Versagen dieses Stiles fürden Garten im engeren Sinne, die nächste Umgebung des Hauses, klar beweist.(Marie Luise Gothein, Geschichte der Gartenkunst, 1914.)
VERFALL DER GARTENKUNST
Das Gartenbild der Zeit um 1770 trägt deutlich das Merkmal des Hervortretenseiner neuen Generationenreihe an sich, die sich in allem von der vorherge-gangenen unterscheiden will, weil sie sich im Bewußtsein eines neuen Zu-sammenhangs mit dem Lebenszentrum wieder vom echteren Lebens quell ge-tränkt glaubt. „Gefühl" und „Natur" waren damals und sind fast immer anden Zeitenwenden die neuerschlossenen Siegel gewesen, aber die Behauptungihres wahren Inhaltes bedeutet noch nicht den Besitz einer schöpferischenKraft, die aus den ewig gleichen Stoffgewalten ein Gebild zu formen vermagund ohne diese Kraft verliert der Geist sich auf den Wassern und Wolken jenerStoffgewalten ins Schwärmerische, ja, bis ins Chaotische. Die Gartenkunstging, wie die meisten anderen Künste, seit dem Zerfall der einheitlichen Kulturdes Rokoko langsam diesen Weg. Zunächst schien es freilich den Zeitgenossenals ob das schwärmerische Gefühl und die Anbetung der Natur selbst die For-mungskräfte seien, die ein neues schönes Leben gestalten könnten, und manbegann, mit allen Zeiten Abrechnung zu halten, indem man sie vor das UrteilRousseauscher Ideale zog. Vor diesen bestanden sie alle nicht. Die hängendenGärten Babylons, die Paradiese der Perser, die griechischen und römischenGärten mit ihren strengen Formen fanden keine Gnade vor den Geistern, denendie möglichste Annäherung an die natürliche Landschaft das erste Gebot derGartenkunst wurde.
2a Wolters, Der Deutsche. V, 2.
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