Muse fehlt im Rondell der Musen, und vielleicht ist es nicht unbedeutsam fürden inneren Geist dieser Gärten, daß Urania fehlt. Doch Du hast nicht minderrecht, Elpenor. Wenn auch der große Aufbau des Parkes noch die Kunstge-setze seiner Zeit deutlich erkennen läßt, hat doch das Laubwerk ganz den be-schnittenen Charakter aufgegeben, und wenn ich auch glaube, daß hier dieHand Lennes mehr umschaffte, als die Zeit, so liegt doch über allem eine träu-merische Einheit, die schon der Ursprung der ganzen Schöpfung in sich tragenmußte.
ELPENOR: Das glaube ich mit jedem Sehen tiefer, und deshalb überkommt michnie die Neigung, das Gegenwärtige nach seinen Anfängen hier zu scheiden.DER FREUND: Nein. Dazu ist das Bild zu schön und die Pracht des einzelnenzu überwältigend. Welches Glück trinkt das Auge, wenn es über den rundenTeich der großen Fontäne, an dem hohen wehenden Strahl des Wassers vorbei,die fruchtbeladenen Terrassen hinaufblickt und auf dem langen, unendlich tiefund sicher ruhenden Leibe des Schlosses mit dem lind gewölbten Oval seinerKuppel haften bleibt! Welches Glück fühlt der Fuß, wenn er dem Auge folgtund die immer erneut aus Schneckenwinkeln in weichen Rundungen wie miteinem ladenden Zwang aufsteigenden Treppen ihn hinauftragen. WelchesGlück überströmte uns hier ganz, wo der in Blumen getauchte Vorgarten unsauf allen Seiten mit schönen Wundern umstellte, wo in kunstvollen Laubenund Gängen dort Andacht, dort Liebe uns überraschte und in den Rundungendie Erinnerungen der Cäsaren uns an die herrischen Gedanken des königlichenFeldherrn mahnten. Wie fürstlich ist die Kolonnade im Rücken des Schlosses,deren mittlere Rampe ER hinaufzureiten liebte. Wie lebeneinladend, leben-überquellend ist das ganze Gebäude mit seinen tiefen Fenstertüren zwischenden tragenden Göttern und Nymphen. Du tatest recht, Elpenor, mich heute nichthineinzuführen. Mein Auge ist schon übervoll. Doch jene Mauerbiegung,weiß ich, bedeutet den Rundraum der Bibliothek: ich erinnere mich, daß schonin Rheinsberg sein Schreibzimmer in einem der dicken runden Türme lag, dieweit hinaus über den See schauen. Dort formten sich in seiner prinzlichenSeele schon alle Keime seines königlichen Willens, die kriegerischen wie diefriedlichen Gedanken.
ELPENOR: Ja, so möchte ich glauben, daß auch die große Marmorkolonnade,die Knobelsdorff inmitten des ehemaligen Rehgartens errichtete, und die der-selbe Folger niederreißen ließ, der dem König die Ruhe dort in der Gruft Sans-souci versagte, ihr Vorbild in dem freundlichen Rundbau der kleinen Orangerievon Rheinsberg hatte, wo wir „Das Jahr der Seele" lasen... Doch folge nocheinmal meinem liebgewonnenen Vermuten, daß dieses Rokoko schon ganzdurchtränkt ist von einer seltsamen nordischen Romantik: Sieh die Vasen aufdem Sims des Schlosses: alle überlieferte Form Griechenlands und Roms isthier zerbrochen oder besser noch zerfetzt; denn manche dieser steinernenSilhouetten flattern fast von einem unsichtbaren Wind geweht und bilden vordem Himmel so verzerrte Umrisse, daß ich an Wasserspeier der Gotik oderKoboldfratzen der Märchen denke.
DER FREUND: Gar so fern sind diese Dinge freilich nicht: Schon ein halbesHundert Jahre, ehe dieses Lustschloß gebaut wurde, begannen Perrault Dar-
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