Druckschrift 
5 (1927) Erde, Gewächs und Weltall
Entstehung
Seite
310
Einzelbild herunterladen
 

erstes stärkeres Wiederaufbrechen des germanischen Gestaltungsgeistes war,ja, daß schon der gebrochene Bogen, die geborstenen Brauen Michelangelos,die Du über Tausenden unserer Fenster und Türen siehst, den ersten Wider-spruch unserer Seele gegen die Wiedergeburt der Antike bedeutete. Aberwarum fügst Du zu diesen Brückenbogen ins Vergangene noch den weichenträumerischen der Romantik? Stehen wir nicht vor einem Park des Rokokomit seinen strengen Gliederungen und beschnittenen Gewächsen ?ELPENOR: Du wirst von beiden wenig finden. Ich sah in ihm mehr von DeinenHeimlichkeiten und versponnenen Winkeln, als es sonst der Park des Le Nötreliebt. Was er ehemals an fest gezogenen Linien, scharf umgrenzten Figuren derWege, Beete und Gebüsche hatte, milderte die Hand des romantischen Königs,der diese Kirche baute, und vieles die über alle Ränder und Schranken quellendeNatur selbst.

DER FREUND: O, diese beiden sind eines Wesens! Du weißt wie ich, daß dieNatur seit hundert Jahren eine romantische Seele hat und darum diesesschran-kenüberwuchernde Wachstum liebt freilich nicht lange mehr: Ein neuerSchöpfer gibt ihr eine neue Seele, und sie wird sie nehmen müssen, obgleichsie gern beharrt. Aber sieh, ich glaube Dir nicht ganz. Du lassest Dich vondem schönen üppigen Mantel der Natur über die strengen Linien täuschen,die der große König ihr gegeben hat: Wir sind auf einem Wiesenbaumplan,dessen Wege sich in geraden Radien zu einer Mitte drängen, die Bäume stehenalle auf den Umfangen großer Kreise, die sich um die schöne halbkreisförmigeBalustrade des hohen Eisentores schlagen, der Obelisk ist wie ein ewiger stei-nerner Ruf, daß hier ein Fürstliches beginnt. Gib Deinen Finger, daß er mirgrößeres Recht gebe: Die wundervollen Springquellschalen auf der Balustrademit den stehenden und liegenden Gestalten, die Büstenreihen vor der Geraden,die links der Teich, rechts eine Baldachinfontäne schließt; ja, wenn Du zählenwillst, die Baluster selbst in den Teilungen der Balustrade, sind alle nach deneinfachen Teilzahlen vier, sechs, acht und zwölf des Kreises aufgebaut. Ichbin schon jetzt gewiß, daß sie alle Räume hier beherrschen. Doch sieh! DieBrunnen springen mit dem Glockenschlage auf. Laß uns eintreten . . . Welchein Bild!

AUF DEN TERRASSEN

ELPENOR: Du hattest recht. Ich habe vieles, das ich sonst wie eine halb zu-fällige Schönheit sah, auf diesem Gange als das Gefüge Eines großen beherr-schenden Willens gesehen. Die lange Achse des Gartens ist wie mit rundenScheiben belegt, deren Querachsen die Kuppeln der Gebäude oder schöneGrotten abschließen, in deren Mitten schöne Brunnen liegen, auf deren Rän-dern ganz nach deinen radialen Zahlen marmorne Bildwerke stehen oder Wegeausstrahlen und wieder zu neuen Rundungen führen, in deren Mitten neueBrunnen, neue Bildwerke und herrliche Vasen aufglänzen: alles bindet sichund rührt einander mit den weißen Scheinen an; alles grüßt und strahlt hinund wider wie in einem zauberischen Spiegel, der von Schönem Ungleich-Schöneres zurückwirft.DER FREUND: Ganz nach meinen radialen Zahlen, Spötter! Selbst die neunte

3IO