und teilnehmend zu nähern. Oft ist es eben nur eine Rose oder eine unbe-deutende Frucht, manchmal eine Hohlkugel aus Wachs mit den wohlriechen-den Wässern gefüllt, in deren Verfertigung die chilenischen Frauen keinenkleinen Teil ihrer häuslichen Kenntnisse setzen. Ein anderer Reisender, wel-cher mit gleich großem Scharfsinne und Gutmütigkeit die Sitten dieses Volksaufzugreifen verstand, hat sehr richtig bemerkt, daß dieser sinnige Gebrauchsich in allen ehemaligen Kolonien der Spanier in Südamerika wiederfinde undzu einer Klasse von kleinen Aufmerksamkeiten gehöre, die man nirgendsweiter so zart zu erweisen versteht.
Unsere ganze Gesellschaft durchstreifte in Begleitung des Besitzers die nächstenUmgebungen. Die Zierlichkeit der Einrichtung aber, die überall sichtbareOrdnungsliebe und die Aufmerksamkeit auf tausend kleine Dinge, mit denenman in Europa das Landleben angenehm und abwechslungsvoll zu machenweiß, versteht man in Chile noch nicht. War der eigentliche Zweck erreicht,so verliert sich alles übrige als Nebensache in den Hintergrund. Höchst seltenist es daher, einen Blumengarten von größerer Ausdehnung zu gewahren, selbstnicht einmal auf den bedeutenden Landgütern, eine um so mehr auffallendeErscheinung, je weniger dem Südamerikaner und namentlich dem Chilenodichterische Anlagen abzusprechen sind. Obstbäume, freilich aber nur wiesie unter diesem glücklichen Klima dem Boden fast von selbst entwachsen,stehen fruchtbeladen in dichten Gruppen umher, und die üppigen Weinrebenscheinen den beschränkenden Zwang eines niedrigen Steinzaunes zu ver-schmähen. Sie winden sich hoch in die Zweige der Feigenbäume empor, diehier unter doppeltem Namen jährlich zwei Ernten der süßesten Früchte liefern.Durch das breite Laub dieser Bäume gewahrt man das wohlangebaute Tal undüber alles hinaus die immer neue und immer interessante Kette der beschneitenAnden. Fast alle irgend gut gelegenen Haciendas bieten ähnliche Umgebungen,und in den meisten wird man Gelegenheit haben, die Herrlichkeit der südlichenNatur in vollen Zügen zu genießen. Und in der Tat ist auch die Lage eines be-mittelten Landbesitzers in Chile eine von denjenigen der höchsten Zufrieden-heit, wenn nicht Kampf der Leidenschaften, besonders aber Ehrgeiz und Par-teiensucht, als Ergebnis der bürgerlichen Lage des ganzen Volkes, störend da-zwischen treten. Eigentliche Liebe zur Natur, oder vielmehr eine dichterischeHinneigung zu ihr, ist wohl von einem kräftigen Manne nicht zu erwarten, derunter ganz anderen Umständen erwuchs, als der weit mehr verzärtelte Euro-päer, allein Liebe zur Unabhängigkeit, Neigung zu den heftigsten körperlichenBewegungen, zu den Wagnissen und dem wilden Umhertreiben der Guassossind bis jetzt selbst noch einem großen Teil der stadtgeborenen Chilenen eigengeblieben. Sie sind die Ursachen der Sehnsucht nach dem Leben auf demLande, welche oft selbst von den reichsten Bewohnern der Hauptstadt aus-gesprochen wird, und erklären das anfangs sehr überraschende Vorkommenvon verhältnismäßig großer Bildung in manchem scheinbaren Landmann, dergleich den übrigen mit breitem Strohhut, in Mantel und Überstiefeln—botas —gekleidet umherreitet und spät erst als ein Bewohner der Hauptstadt sich zuerkennen gibt. Man wundert sich oft, einen solchen feiner erzogenen, der bes-seren Gesellschaft gewöhnten Mann in größter Leidenschaftlichkeit sein Pferd
20 Wolters, Der Deutsche. V, 2.
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