Die Alte Geschichte trug auf ihrem heimischen Boden, nicht wie die neuere denSchmuck der ganzen Fremde, sondern jedesmal nur ihre heimatliche Fruchtaber die vollständiger gereifte, wie die edelste Dattel nur der libyschen Palmeentfällt, wie die erhabenste Zeder um die Jordanquellen und auf dem Libanonwuchs, wie die Platane der Hellenen ihr prachtvollstes Laubgewölbe um dasGestade des Archipels der Hellenen auf europäischer wie auf asiatischer Seiteerhebt und die Pinie ihr fächerartiges Schirmdach über italienischen Bodenausbreitet.
Damals war die größte räumliche Annäherung der drei Erdteile der Alten Weltnoch hinreichend genug, durch innere Mannigfaltigkeit dem klassischen Bodender Weltgeschichte zur Folie zu dienen, damals hatten die einfacheren Elementenoch größere Bedeutung. Aber mit der Weltverbindung durch die Ozeane ver-loren die Verhältnisse jenes einseitige Maximum der Annäherung, ihre für dasGanze überwiegende Bedeutung. Zur richtigen Beurteilung ihrer Raumver-hältnisse, nach der gegenseitigen Stellung ihrer Länder und Völker, mußteman seitdem zu den Kontinenten auch noch die Ozeane mit ihren Bewegungenhinzunehmen.
Es besteht also auch eine andere tellurische Physik für die alte, eine andere fürdie neue Zeit, und wenn wir für jene und das Mittelalter wirklich den Orbisterrarum mit seinen gelegentlichen Erweiterungen nach den wirklichenRaumdistanzen und den Arealflächen mathematisch genau verzeichnen, somüßten wir für diese, die neuere Zeit, außer jener richtigen Angabe der Raum-verhältnisse auch noch die Kunst der Graphik für die gleichrichtige Ein-tragung der Zeitverhältnisse erfinden, in denen diese Räume wirklich erreichtund durchschnitten werden können und gegenseitig in den wahrhaft lebendigenVerkehr treten, sei es durch physikalische oder beseelte Bewegungen. Oder wirmüßten es verstehen, die Kombination von beiden zu einem Totalbilde zu ver-einen, etwa durch mehrere durchsichtige, übereinander hingleitende, hin undher verschiebbare Globularscheiben, oder durch partikulare Ortsverrückungen,oder durch andere Hilfsmittel.
Wie würden aber dann die einen Räume schwinden, die anderen sich aus-dehnen, die Höhen sinken, die Übergänge sich mehren. Europas Gestalt würdenoch, in manchen Teilen wenigstens, am mehrsten sich gleich bleiben, undältere wie neuere Zeit- und Raumverhältnisse sich decken. Aber in Asienwürde schon die südliche Gestadewelt viel zu sehr sich zusammenziehn, umnoch das in lauter Hemmung zurückgesunkene Innerasien mit Gestadelinienganz zu umgrenzen, und so würde fast auf allen Teilen der Planetenrinde dieInkongruenz beider Verhältnisse die seltsamsten Zerrbilder der positiven, leb-losen Formen hervorbringen. Die Erinnerung an solche Verschiebungen undZerrbilder rufen wir gegenwärtig aber nur darum hervor, weil sie durch denGegensatz eben deutlich zeigen, welchen Verdrehungen unsere Begriffsweltunter dem täuschenden Schein von positiven Wahrheiten wirklich sich hin-gibt und unterworfen ist, wenn wir in den tellurischen Verhältnissen, wie bisher,nur das Leblose statt des Lebendigen ergreifen und das historische Elementneben der geographischen Wissenschaft unbeachtet liegen lassen, daraus ganzverbannen oder auch etwas nur teilweise hie und da gelten lassen, wo es von
10 Wolters, Der Deutsche. V, 2.
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