Druckschrift 
5 (1927) Erde, Gewächs und Weltall
Entstehung
Seite
265
Einzelbild herunterladen
 

physischen Phänomenen diese höchste aller Farbenerscheinungen aus dem Zu-sammentreten zweier entgegengesetzten Enden, die sich zu einer Vereinigungnach und nach selbst vorbereitet haben.

Als Pigment hingegen erscheint sie uns als ein Fertiges und als das. vollkom-menste Rot in der Cochenille, welches Material jedoch durch chemische Be-handlung bald ins Plus, bald ins Minus zu führen ist und allenfalls im bestenKarmin als völlig im Gleichgewicht stehend angesehen werden kann.Die Wirkung dieser Farbe ist so einzig, wie ihre Natur. Sie gibt einen Eindrucksowohl von Ernst und Würde, als von Huld und Anmut. Jenes leistet sie inihrem dunklen verdichteten, dieses in ihrem hellen verdünnten Zustande.Und so kann sich die Würde des Alters und die Liebenswürdigkeit der Jugendin eine Farbe kleiden.

Von der Eifersucht der Regenten auf den Purpur erzählt uns die Geschichtemanches. Eine Umgebung von dieser Farbe ist immer ernst und prächtig.Das Purpurglas zeigt eine wohlerleuchtete Landschaft in furchtbarem Licht.So müßte der Farbeton über Erd und Himmel am Tage des Gerichts ausge-breitet sein.--------

Wenn man Gelb und Blau, welche wir als die ersten und einfachsten Farbenansehen, gleich bei ihrem ersten Erscheinen, auf der ersten Stufe ihrer Wirkungzusammenbringt, so entsteht diejenige Farbe, welche wir Grün nennen.Unser Auge findet in derselben eine reale Befriedigung. Wenn beide Mutter-farben sich in der Mischung genau das Gleichgewicht halten, dergestalt, daßkeine vor der anderen bemerklich ist, so ruht das Auge und das Gemüt auf die-sem Gemischten wie auf einem Einfachen. Man will nicht weiter und man kannnicht weiter. Deswegen für Zimmer in denen man sich immer befindet, diegrüne Farbe zur Tapete meist gewählt wird. (Goethe, Zur Farbenlehre, 1810.)

SPIEGEL

Ist ein Mensch nicht ziemlich genau beschrieben, wenn man hört, daß er gernzwischen gelben hohen Kornfeldern geht, daß er die Waldes- und Blumen-farben des abglühenden und vergilbten Herbstes allen anderen vorzieht, weilsie auf Schöneres hindeuten, als der Natur je gelingt, daß er unter großen fett-blättrigen Nußbäumen sich ganz heimisch wie unter Bluts-Verwandten fühlt,daß im Gebirge seine größte Freude ist, jenen kleinen abgelegenen Seen zu be-gegnen, aus denen ihn die Einsamkeit selber mit ihren Augen anzusehenscheint, daß er jene graue Ruhe der Nebel-Dämmerung liebt, welche an Herbst-und Frühwinterabenden an die Fenster heranschleicht und jedes seelen-lose Geräusch wie mit Samtvorhängen ausschließt, daß er unbehauenes Ge-stein als übriggebliebene, der Sprache begierige Zeugen der Vorzeit empfindetUnd von Kind an verehrt, und zuletzt, daß ihm das Meer mit seiner beweg-lichen Schlangenhaut und Raubtierschönheit fremd ist und bleibt?(Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches II, 1879/1880.)

265