RECHTE KINDSCHAFT
Man steht mit der Natur gerade in so unbegreiflich verschiedenen Verhält-nissen, wie mit den Menschen, und wie sie sich dem Kinde kindisch zeigt undsich gefällig seinem kindlichen Herzen anschmiegt, so zeigt sie sich dem Gottegöttlich und stimmt zu dessen hohem Geiste. Man kann nicht sagen, daß eseine Natur gebe, ohne etwas Überschwengliches zu sagen, und alles Bestrebennach Wahrheit in den Reden und Gesprächen von der Natur entfernt nur immermehr von der Natürlichkeit. Es ist schon viel gewonnen, wenn das Streben, dieNatur vollständig zu begreifen, zur Sehnsucht sich veredelt, zur zarten, be-scheidenen Sehnsucht, die sich das fremde, kalte Wesen gern gefallen läßt,wenn sie nur einst auf vertrauteren Umgang rechnen kann. Es ist ein geheim-nisvoller Zug nach allen Seiten in unserem Innern, aus einem unendlich tiefenMittelpunkt sich rings verbreitend. Und liegt die wundersame sinnliche undunsinnliche Natur rund um uns her, so glauben wir, es sei jener Zug ein An-ziehn der Natur, eine Äußerung unserer Sympathie mit ihr, nur sucht der einehinter diesen blauen fernen Gestalten noch eine Heimat, die sie ihm verhalten,eine Geliebte seiner Jugend, Eltern und Geschwister, alte Freunde, liebe Ver-gangenheiten, der andere meint, da jenseits warteten unbekannte Herrlich-keiten seiner, eine lebensvolle Zukunft glaubt er dahinter versteckt und strecktverlangend seine Hände einer neuen Welt entgegen. Wenige bleiben bei dieserherrlichen Umgebung ruhig stehen und suchen sie nur selbst in ihrer Fülle undihrer Verkettung zu erfassen, vergessen über der Vereinzelung den blitzendenFaden nicht, der reihenweise die Glieder knüpft und den heiligen Kronleuchterbildet, und finden sich beseligt in der Beschauung dieses lebendigen, über nächt-lichen Tiefen schwebenden Schmucks. So entstehen mannigfache Naturbe-trachtungen, und wenn an einem Ende die Naturempfindung ein lustiger Ein-fall, eine Mahlzeit wird, so sieht man sie dort zur andächtigsten Religion ver-wandelt, einem ganzen Leben Richtung, Haltung und Bedeutung geben., Schonunter den kindlichen Völkern gabs solche ernste Gemüter, denen die Naturdas Antlitz einer Gottheit war, indessen andere fröhliche Herzen sich nur aufsie zu Tische baten, die Luft war ihnen ein erquickender Trank, die GestirneLichter zum nächtlichen Tanz, und Pflanzen und Tiere nur köstliche Speisen,und so kam ihnen die Natur nicht wie ein stiller, wundervoller Tempel, sondernwie eine lustige Küche und Speisekammer vor. Dazwischen waren anderesinnigere Seelen, die in der gegenwärtigen Natur nur große aber verwilderteAnlagen bemerkten und Tag und Nacht beschäftigt waren, Vorbilder eineredleren Natur zu schaffen. — Sie teilten sich gesellig in das große Werk, dieeinen suchten die verstummten und verlorenen Töne in Luft und Wäldern zuerwecken, andere legten ihre Ahndungen und Bilder schönerer Geschlechter inErz und Steine nieder, bauten schönere Felsen zu Wohnungen wieder, brachtendie verborgenen Schätze aus den Grüften der Erde wieder ans Licht, zähmtendie ausgelassenen Ströme, bevölkerten das unwirtliche Meer, führten in ödeZonen alte, herrliche Pflanzen und Tiere zurück, hemmten die Waldüber-schwemmungen und pflegten die edleren Blumen und Kräuter, öffneten dieErde den belebenden Berührungen der zeugenden Luft und des zündenden
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