Druckschrift 
5 (1927) Erde, Gewächs und Weltall
Entstehung
Seite
251
Einzelbild herunterladen
 

kreis wäre geschlossen. Aber der Akt, durch den sie ein freies selbständigesWesen tötet, ist ihr feierliches, aller Vernunft kundbares Hinüberschreiten überdiesen Akt und über die ganze Sphäre, die sie dadurch beschließt, die Erschei-nung des Todes ist die Leiter, an welcher mein geistiges Auge zu dem neuenLeben meiner selbst und einer Natur für mich hinübergleitet.Jeder meinesgleichen, der aus der irdischen Verbindung heraustritt, und dermeinem Geiste nicht für vernichtet gelten kann denn er ist meinesgleichen zieht meinen Gedanken mit sich hinüber, er ist noch, und ihm gebührt eineStätte. Indes wir hinieden um ihn trauern, so wie Trauer sein würde, wenn siekönnte, im dumpfen Reiche der Bewußtlosigkeit, wenn sich ihm ein Menschzum Lichte der Erdensonne entreißt, ist drüben Freude, daß der Mensch zu ihrerWelt geboren wurde, so wie wir Erdenbürger die unserigen mit Freudeempfangen. Wenn ich einst ihnen folgen werde, wird für mich nur Freude sein;denn die Trauer bleibt in der Sphäre zurück, die ich verlasse.Es verschwindet vor meinem Blicke und versinkt die Welt, die ich noch so ebenbewunderte. In aller Fülle des Lebens, der Ordnung und des Gedeihens, welcheich in ihr schaue, ist sie doch nur der Vorhang, durch die eine unendlich voll-kommenere mir verdeckt wird, und der Keim, aus dem diese sich entwickelnsoll. Mein Glaube tritt hinter diesen Vorhang und erwärmt und belebt diesenKeim. Er sieht nichts Bestimmtes, aber er erwartet mehr, als er hieniedenfassen kann und je in der Zeit wird fassen können.

So lebe und so bin ich, und so bin ich unveränderlich, fest und vollendet füralle Ewigkeit; denn dieses Sein ist kein von außen angenommenes, es ist meineigenes, einiges, wahres Sein und Wesen. (Fichte, Die Bestimmung des Men-schen, 1800.)

DIE WURZEL DES GEISTES

Dem Egoismus, dem Despotismus, der Menschenfeindschaft bin ich feind, sonstwerden mir die Menschen immer lieber, weil ich immer mehr im Kleinen undim Großen ihrer Tätigkeit und ihrer Charaktere gleichen Urcharakter, gleichesSchicksal sehe. In der Tat! dieses Weiterstreben, dieses Aufopfern einer ge-wissen Gegenwart für ein Ungewisses, ein Anderes, ein Besseres und immerBesseres seh ich als den ursprünglichen Grund von allem, was die Menschenum mich her treiben und tun. Warum leben sie nicht, wie das Wild im Walde,genügsam, beschränkt auf den Boden, die Nahrung, die ihm zunächst liegt undmit der es, das Wild, von Natur zusammenhängt, wie das Kind mit der Brustseiner Mutter? da wäre kein Sorgen, keine Mühe, keine Klage, wenig Krank-heiten, wenig Zwist, da gab es keine schlummerlosen Nächte usw.Aber dies wäre dem Menschen so unnatürlich, wie dem Tiere die Künste, dieer es lehrt. Das Leben zu fördern, den ewigen Vollendungsgang der Natur zubeschleunigen, zu vervollkommnen, was er vor sich findet, zu idealisieren,das ist überall der eigentümlichste unterscheidenste Trieb des Menschen, undalle seine Künste und Geschäfte und Fehler und Leiden gehen aus jenem her-vor. Warum haben wir Gärten und Felder? Weil der Mensch es besser habenwollte, als er es vorfand. Warum haben wir Handel, Schiffahrt, Städte undStaaten, mit allem ihrem Getümmel und Gutem und Schlimmem? Weil derMensch es besser haben wollte, als er es vorfand. Warum haben wir Wissen-

251