Druckschrift 
5 (1927) Erde, Gewächs und Weltall
Entstehung
Seite
250
Einzelbild herunterladen
 

Natur und stellt sich dar in zwei Geschlechtern, die, wenn auch jedes geistigeBand zerreißen könnte, schon als Naturwesen genötigt sind, sich zu lieben,fließt aus in die Zärtlichkeit der Eltern und Kinder und Geschwister, gleichals ob die Seelen ebenso aus einem Blute entsprossen wären, wie die Leiber,und die Gemüter Zweige und Blüten desselben Stammes wären, und umfassetvon da aus in engeren oder weiteren Kreisen die ganze empfindende Welt. Selbstihrem Hasse liegt der Durst nach Liebe zum Grunde, und es entsteht keineFeindschaft, außer aus versagter Freundschaft.

Dieses ewige Leben und Regen in allen Adern der sinnlichen und geistigenNatur erblickt mein Auge durch das, was anderen tote Masse scheint, hin-durch und siehet dieses Leben stets steigen und wachsen und zum geistigerenAusdrucke seiner selbst sich verklären. Das Universum ist mir nicht mehrjener in sich selbst zurücklaufende Zirkel, jenes unaufhörlich sich wieder-holende Spiel, jenes Ungeheuer, das sich selbst verschlingt, um sich wiederzu gebären, wie es schon war: es ist vor meinem Blick vergeistiget und trägtdas eigene Gepräge des Geistes, stetes Fortschreiten zum Vollkommneren ineiner geraden Linie, die in die Unendlichkeit geht.

Die Sonne gehet auf und gehet unter, und die Sterne versinken und kommenwieder, und alle Sphären halten ihren Zirkeltanz, aber sie kommen nie so wieder,wie sie verschwanden, und in den leuchtenden Quellen des Lebens ist selbstLeben und Fortbilden. Jede Stunde, von ihnen herbeigeführt, jeder Morgenund jeder Abend sinkt mit neuem Gedeihen herab auf die Welt, neues Lebenund neue Liebe entträufelt den Sphären, wie die Tautropfen der Wolke, undumfängt die Natur, wie die kühle Nacht die Erde.

Aller Tod in der Natur ist Geburt, und gerade im Sterben erscheint sichtbar dieErhöhung des Lebens. Es ist kein tötendes Prinzip in der Natur, denn die Naturist durchaus lauter Leben, nicht der Tod tötet, sondern das lebendigere Leben,welches, hinter dem alten verborgen, beginnt und sich entwickelt. Tod undGeburt ist nur das Ringen des Lebens mit sich selbst, um sich stets verklärterund sich selbst ähnlicher darzustellen. Und mein Tod könnte etwas anderssein meiner, der ich überhaupt nicht eine bloße Darstellung und Abbildungdes Lebens bin, sondern das ursprüngliche, allein wahre, und wesentliche Lebenin mir selbst trage? Es ist gar kein möglicher Gedanke, daß die Natur einLeben vernichten solle, das aus ihr nicht stammt, die Natur, um deren Willennicht ich, sondern die selbst nur um meinetwillen lebt.

Aber selbst mein natürliches Leben, selbst diese bloße Darstellung des innerenunsichtbaren Lebens vor dem Blicke des Endlichen, kann sie nicht vernichten,weil sie sonst sich selbst müßte vernichten können, sie, die nur für mich undum meinetwillen da ist und nicht ist, wenn ich nicht bin. Gerade darum, weilsie mich tötet, muß sie mich neu beleben, es kann nur mein in ihr sich ent-wickelndes höheres Leben sein, vor welchem mein gegenwärtiges verschwindet,und das, was der Sterbliche Tod nennt, ist die sichtbare Erscheinung einerzweiten Belebung. Stürbe kein vernünftiges Wesen auf der Erde, das da nuneinmal ihr Licht erblickt hätte, so wäre kein Grund da, eines neuen Himmelsund einer neuen Erde zu harren. Die einzig mögliche Absicht dieser Natur, Ver-nunft darzustellen und zu erhalten, wäre schon hienieden erfüllt, und ihr Um-

250