Kantonen eingerichtet haben. Hart und gewaltsam sind in diesem Lande auchdie Hochgebirge aufgetürmt, hoch oben öde und sumpfige, mit kurzem Grasbewachsene, bald geneigte, bald in sich muldenförmig vertiefte Flächen tragend,von ihren oberen Kanten laufen die traurigen Halden, lange Streifen grauenSteingerölles, ins Tal, Nebel und Wolken hängen an den Flanken und Stein-rippen, wie die Wolle am Bauch des Widders, senken sich in den schwarzenFichtengürteln nieder und steigen wieder verhüllend und wogend aufwärts zuden kalten Schneekuppen. Ein Bild form- und schrankenloser Gewalten, be-ängstigende Zeugen uralter elementarer Kämpfe und Naturrevolutionen! -—Von diesem weißen und grünen Winterlande sieht man sich tags darauf, dortwo sich der Abhang der Seealpen zum Mittelländischen Meere niedersenkt, inein braunes Sonnen- und Lichtland, in ein Land, wo der Naturgeist in Formengebunden ist, versetzt und fühlt jenseits der See die Gegenwart der lechzenden,farbenglühenden Wüste. Hier herrscht das Himmelsgestirn schon gewaltig,nach dem sich Goethe sehnte und dem zu Ehren er jenen Bettelknaben mitin seinen Wagen nahm. Hier ist das wandelbare Wetter, dessen Launen wirNordländer fürchten, schon in das Gesetz der Jahreszeiten gefaßt: Der Sommerist heiß und trocken, mit dem ersten Gewitter im Herbst beginnen erquickendeRegenschauer. Nicht in den Sommer, wie bei uns, sondern in den Herbst undFrühling, ja, in den Winter fällt das Leben der Vegetation. Breite Flußbetten,dicht voll Kies- und Kalkgeröll, ohne einen Tropfen Wasser, ziehen quer ausden Bergen dem Meere zu, den Weg säumen riesige Agaven mit halbabge-brochenen blauen Blättern und baumartigen Blütenspindeln, Stachelkraut allerArt, vom Staube unkenntlich, hängt an der Mauer und bricht aus den Ritzenheißer Felswände. Führt die weiße, blendende Chaussee im Auf- und Absteigenauf einen höheren Punkt, dann zeichnet sich tief unten im Lichtglanz eine ge-zackte Landzunge, eine schwimmende runde Insel, ein vorspringendes Vorge-birge, es kommt ein kaum merklicher Erquickungshauch vom Meere auf-wärts, und Gruppen von pinus maritima, ganz leise rauschend, spenden wie ineinem Tempel ihren Weihrauch. Den Charakter des Sommers, des Natur-lebens als einer unempfundenen, milden, harmonischen Notwendigkeit, trägtauch Sitte, Körperbildung und Wohnung der Menschen. Die Bevölkerung führtein Gärtnerleben, pflanzt, gräbt und schneitelt, mauert Terrassen an felsigenAbhängen hin und bewegt in der Abenddämmerung den Brunnenschwengelauf und ab, um die Kanäle zwischen den Beeten und um die Stämme der Frucht-bäume herum mit Wasser zu füllen. Wie Vogelnester drängen sich die runden Ort-schaften zusammen, bald unten in der Marina im Grunde halbkreisförmigerGolfe, bald hoch oben auf den Gipfeln der Vorberge, drinnen die Häuser mitzerbröckelnden Steintreppen, offenen Fensterhöhlen, feuchten Mauern unddunklen Räumen, auf den Gassen aber, an den Hecken, längs des Weges gehtdas Menschenleben vor sich, jedem Blick offen, in mannigfachen Verrich-tungen, in wechselnden Szenen, bald naiv rührend, bald lächerlich, wohl auchanstößig durch Natürlichkeit. Männer in spitzen Hüten, ernst und braun, mit-unter launig und ausgelassen, immer aber maßvoll, reizende halb oder ganznackte Buben, mit verwildertem Haar, ähnlich den Engelknaben auf RaffaelsMadonna von Foligno, Frauen schreitend mit dem Korbe auf dem Haupte, voll
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