dabei jenes innerliche Sich-Gleichsetzen, Sich-Einordnen, welches die Seele allerBauenden beherrscht haben muß. Hier aber findest du, um jede Ecke biegend,einen Menschen für sich, der das Meer, das Abenteuer und den Orient kennt,einen Menschen, welcher dem Gesetz und dem Nachbar wie einer Art vonLangerweile abhold ist und der alles schon Begründete, Alte mit neidischenBlicken mißt: er möchte, mit einer wundervollen Verschmitztheit der Phantasie,dies alles mindestens in Gedanken noch einmal neu gründen, seine Hand darauf,seinen Sinn hineinlegen — sei es auch nur für den Augenblick eines sonnigenNachmittags, wo seine unersättliche und melancholische Seele einmal Sattheitfühlt und seinem Auge nur Eigenes und nichts Fremdes mehr sich zeigen darf.(Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, 1881/1882.)
ALPEN UND RIVIERA
Wenn der Nordeuropäer, der Barbar im antiken Sinne des Wortes, einen derAlpenpässe, die nach Süden führen, übersteigt, dann empfängt ihn eine neue,anders gebildete Welt — der Kreis der Uferländer des Mittelländischen Meeres,zu denen nicht bloß die Campagna von Rom und die Insel des Aetna, nicht bloßdie Vorgebirge Griechenlands und die aus dem blauen Meer in Nähe und Ferneauftauchenden Cykladen, sondern auch das dürre, felsige Palästina, die Sinai-halbinsel und die arabischen und libyschen Wüsten gehören. Wer sich dasganze Gefühl, die Überraschung dieses Gegensatzes geben will, der eile imHochsommer unmittelbar aus der Schweiz auf der Eisenbahn nach Genua undNizza und befahre die Uferstraße zwischen den beiden genannten Städten —la riviera di ponenta, die jetzt zum Teil französisch ist. Welch ein Kontrast!In der Schweiz — da herrschen Wasser und Wiese, die Täler sind mit hellem,saftigem Grün gefüllt, überall von den Bergen strömen pfeilschnelle Bäche,arbeiten wild an Steinblöcken und Tannenwurzeln vorüber, stürzen in Kas-kaden stäubend über die Felswand, sammeln sich zu Seen und gehen dann alsmächtige Flüsse in alle Welt. In den Schweizer Schluchten ist die Welt eng, ewigbrausen dort die Dämonen bösen Wetters, und wer nach mühsamem Steigenauf einem Gipfel klare Luft und freie Aussicht trifft, der kann von Glück sagen.In der Schweiz trifft der Wanderer überall liebliche, umschlossene Landschafts-szenen, voll idyllischen Friedens, und ruft wohl aus: Diesen Fleck Erde möchtich zur Heimat erwählen, hier meine Hütte bauen, hier meine Tage beschließen!Er bedenkt nicht, daß alles Idyllische sich schnell erschöpft und geistlos wird,daß in diesen hohen Gegenden bald der Winter kommt, der das Tal mit Schneeverschüttet und selbst den Wasserfall in starrende Eisnadeln verwandelt.Dann, in den dunklen, kalten Monaten, lebt der Mensch in hölzernen, mitSchnitzwerk und alten geistlichen Sprüchen verzierten, braunen Wohnungenund trägt Sorge, das Dach wohl mit Steinen zu belasten, daß es der Sturm, derin diesen Berglöchern fürchterlich rast, nicht mit sich fortführe. Die Schweizist das Land sauberer, ordentlicher, wohl berechneter Hauswirtschaft, die Hei-mat knochiger, realistisch denkender Menschen, die schon frühe den roman-tischen Adel und mit ihm manchen idealen Zug und alle Phantasiegebilde untersich ausgerottet und sich bürgerlich-republikanisch, nach Gemeinden und
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