heftenden Blicken über die Asphaltplatten des Pont Royal, die eben und fastelastisch ohne Gefüge sich fortgießend, wie der glatte Boden der Säle des Reichenden Fuß beflügeln und die Fesseln der schweren Erde, deren Kinder und Sklavenwir sind, von uns nehmen. Oder ich lehne lange an der Brüstung und blickehinaus, und hinter mir schweben die Frauen am Arme der Männer vorüber, nurvernehmlich durch das seidene Flüstern ihrer Gewänder und den süßen Duft,der wie Blumen sie umweht. Der Blick dringt hier in das Innere, in den Busender Stadt, der sich entblößt. Was sind öffentliche Plätze, was sind lang geöffneteStraßen, was sind Ansichten von hohen Standpunkten! Sie streifen nur dieOberfläche, das nach außen Gewandte, und immer nur die eine Seite, die in dem-selben Augenblick sich darstellt, wo die entgegengesetzte sich verbirgt, und um-gekehrt. Hier aber hat der Fluß sich ein Bette gebrochen, sich einen Spalt ge-öffnet mitten durch die Weltstadt — als hättest du einen menschlichen Körpermitten durchgeschnitten und er lebte doch, und du sähest den Zusammen-hang der Fasern, der Adern, Organe — und seiner Nymphe folgen schaugierigeund staunende Augen. Wie ein See mi-t unruhig gekrümmten Ufern, schlum-mert hier die Seine vor mir und ein großes längliches Rundgemälde hält sieausgebreitet. Es verengt sich in der Ferne, die Häuserreihen, schwarzen Ufer-massen gleich, nähern sich im Zickzack der Felsrippen und schließen sich da,wo die Insel den Fluß spaltet und über deren Spitze der Pont Neuf geht, fast zu-sammen. (Viktor Hehn, Reisetagebuch, 1839/1840.)
GENUA
Genua. — Ich habe mir diese Stadt, ihre Landhäuser und Lustgärten und denweiten Umkreis ihrer bewohnten Höhen und Hänge eine gute Weile ange-sehen; endlich muß ich sagen: ich sehe Gesichter aus vergangenen Geschlech-tern — diese Gegend ist mit den Abbildern kühner und selbstherrlicher Men-schen übersäet. Sie haben gelebt und haben fortleben wollen — das sagen siemir mit ihren Häusern, gebaut und geschmückt für Jahrhunderte und nichtfür die flüchtige Stunde, sie waren dem Leben gut, so böse sie oft gegen sich ge-wesen sein mögen. Ich sehe immer den Bauenden, wie er mit seinen Blickenauf allem fern und nah um ihn her Gebauten ruht und ebenso auf Stadt, Meerund Gebirgslinien, wie er mit diesem Blick Gewalt und Eroberung ausübt: allesdies will er seinem Plane einfügen und zuletzt zu seinemEigentume machen,dadurch, daß es ein Stück desselben wird. Diese ganze Gegend ist mit dieserprachtvollen, unersättlichen Selbstsucht der Besitz- und Beutelust überwach-sen, und wie diese Menschen in der Ferne keine Grenzen anerkannten und inihrem Durste nach Neuem eine neue Welt neben die alte hinstellten, so em-pörte sich auch in der Heimat immer noch jeder gegen jeden und erfand eineWeise, seine Überlegenheit auszudrücken und zwischen sich und seinen Nach-bar seine persönliche Unendlichkeit dazwischen zu legen. Jeder eroberte sichseine Heimat noch einmal für sich, indem er sie mit seinen architektonischenGedanken überwältigte und gleichsam zur Augenweide seines Hauses um-schuf. Im Norden imponiert das Gesetz und die allgemeine Lust an Gesetz-lichkeit und Gehorsam, wenn man die Bauweise der Städte ansieht: man errät
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