sich der grüne Frühlingsschmuck mit Kraft aus dem Schöße der Erde hervor.Besonders heiter und lustig anzusehen in ihrem Smaragdgrün waren derfrische Rasen und die sichtlich sprossende junge Saat auf den außer der Ring-mauer liegenden Halden des Zionberges, auf den Höhen oberhalb der Siloam-brunnen und auf den sanft auseinanderfallenden Nordflügeln der wenige Tage' früher noch so dürren Kidronsschlucht. Selbst der Reichtum an Ölbäumenwar in der genannten Gegend des Tales scheinbar angewachsen, der Regenhatte ja die vertrocknete Rinde gelabt und vom mattgrünen Laubwerk denSommerstaub weggespült.
Und doch war es nur das erste Aufflimmern der Natur und ihrer frischenZeugungskraft! Am dritten Tage nach der Segensflut war schon keine Wolkemehr am tiefblauen, reingefegten Firmament, und die Sonnenscheibe hingwieder in voller Pracht über dem grüngeschmückten Jerusalem. Erst der9. Dezember — das Vorgefühl verriet es schon im Morgengrau — sollte dereigentliche Tag des Glückes und der belohnenden Freude sein. Im frischenHauch der Morgenluft und über Strömen von Wonnegefühl ging ich zumnahen Damaskustor hinaus, rechts an der nördlichen Stadtmauer fort, dannlinks über die mit Saaten, Weinreben und fruchtbeladenen Ölbäumen reich-bepflanzten Abhänge zur Sohle der hier noch flachmuldigen Kidronsschluchthinab und auf der anderen Seite den gewohnten Pfad hinauf zum Lusttheaterauf dem langen ölbergkamm.
Wer nur nach Gold und Ehren dürstet oder gemütlos, kalt und stumpf die Reizeder Natur verachtet, wird freilich über solchen Schwindel lachen. Wer aber, wiees jetzt häufig geschieht, jedes freudige Entzücken als sündhaft und jede natur-fröhliche Regung des Herzens als Beleidigung Gottes ersticken will, den müßtees vollends empören, wenn man in noch leidenschaftlicheren Ergüssen alsfrüher über die wieder aufgefrischte Landschaftspracht von Jerusalem redenwollte. Nie war aber das Grün so warm, die Luft so durchsichtigt, das Blut imKörper so leicht, und niemals, weder vor oder nachher, habe ich ein Lichtmeergesehen, wie es an diesem Tage in diamantenem Wellenspiel über dem TotenMeere, über Transjordanien und über Edom wogte. Selbst die Steinwüstegegen Moab hin hatte ihren Hochzeitsschmuck angetan. Mehr wollen wirschon aus Furcht vor Ärgernis nicht sagen, und frostige Leser mögen sich mitdem Geständnis begnügen, daß Einer noch jetzt in bedrängten Augenblickenvom Reichtum und vom seligen Schwindel jenes Tages zehrt. So lieblich hattender Höhenzug und die drei Gipfelkuppeln des ölberges mit ihren zahmen Ein-sattelungen noch nie geschienen, ein Spiegelbild im größten Stil und — wassonderbar — mit je 100 Schritten der Fortbewegung regelmäßig ein neuesZauberbild! Das schönste wohl auf der mittleren Schwellung, wo unter Reb-gelände, umgeben von Feigen-, Granaten- und Ölbäumen, die wettergelbenTrümmer der Himmelfahrtskirche liegen und wilder Safran mit der brennendgelben Blütenkrone des Leontodon Taraxacum einsam zwischen dem Gesteinewinkt. Über vier Stunden lang ward an dieser Freudenstätte meditiert, ge-wandelt und geschwelgt, und erst in der Einsamkeit und Stille der Mittags-stunde, im Vollgefühl des seligsten Friedens und von fremder Neugier unbe-lästigt, außerhalb des Dorfes über die rasch abstürzende dritte Hügelkuppe auf
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