solymitanischen Sommerluft. Das erstemal seit dem Frühlingsschauer braustenach Mitternacht der Sturmwind über Jerusalem und zog nach kurzem Son-nenmorgen als Vorbote der langersehnten Herbstfluten graues Gewölke vomMittelmeer quer über Palästina gegen die transjordanische Wüste hin. Dochder erste Guß war nur flüchtig, und nach unergiebigem, lauem Regenstreifbrannte die Mittagssonne noch drückender als am vorigen Tage auf die mehraufgeregte als gesättigte Pflanzenwelt herab. Noch fünf volle Tage neckte unsAllah und reizte bald durch einige Wassertropfen in heißer Glut, bald durchflüchtige Wolkenzüge und scharfe Lüfte, bald durch windiges Abendgrau undleeres Sausen unsere Ungeduld. Reichlich, stark und nachhaltig regnete es erstam 3. Dezember, und der sechste desselben Monats war für Palästina nachlanger schwerer Prüfung ein Tag des Segens, der Belohnung in der wonne-vollsten Seligkeit. Trübe, stürmisch und traurig brach der Morgen dieses Tagesan, und nicht mehr als plus 12 ° zeigte der Wärmemesser um 8 Uhr früh. Regen-lust und Sonne stritten aber noch bis 3 Uhr Nachmittag, wo es auf einmal mitWindesbraut und Wolkeneile finster vom Meer herüberzog und ohne Rast invollen Güssen auf Jerusalem niederrauschte. Wie sich im Hofraum vor derZimmertür die offenen Behälter füllten 1 Wie es durch die Innerröhren von denglatten Dachterrassen in die bauchige Zisterne sprudelt und mit Sturmeshauchwestlich an die Fenster rasselt, ohne Ermüdung, ohne Pause, bis Mitternacht!Das Wonnegefühl, wie es während dieser himmlischen Bescherung durch dieAdern strömte, drückt sich nicht in Worten aus, und nur wer selbst unter densengenden Gluten des morgenländischen Sonnenhimmels geschmachtet unddie Last seiner Monotonie empfunden hat, kann ohne Ärgernis vom Seligkeits-rausch solcher Szenen hören. Trocken, warm, gutgekleidet und wohlgenährtsaß ich allein in der heimischen Stube bei Büchern, Plänen und Papier, und nebender Lampe stand als Labsal für die Tagesmühe der warme Grog, während esdraußen prasselnd und sausend in nächtlichem Dunkel über Jerusalem vorüber-ging. Der Schlummer hatte in diesem Augenblick physischer Aufregung keineMacht.
Die Fülle des Regens in jener Nacht war so dicht und so reichlich, daß der hoch-und viereckig aufgemauerte offene Behälter an der Außenwand des Zimmersam anderen Morgen überrann, und im geräumigen Ziehbrunnen, dem eigent-lichen Flüssigkeitsmagazin für das ganze Haus und für das ganze Jahr, zurFreude aller, die es sahen, der wohltätige Segen auf eine bedeutende Höheheraufgestiegen war. Am Himmel hing aber nach jener Regennacht nochfinsteres Gewölke in dichten Lagen, und die spät an demselben Tage von neuemniederrauschende Wasserflut sagte klar genug, daß in der Redeweise des dank-baren Morgenländers die „Barmherzigkeit" noch nicht zu Ende war. Um abernun auch die Jordansaue, das Tote Meer, das Gebirge Moab, die Steinwüste unddas quadranguläre Jerusalem selbst im grauen Wolkenüberhang zu sehen, gingich während der Regenpause im Laufe desselben Tages voll neugierigen Ver-langens auf den ölbergkamm hinauf. Die Szene war völlig neu und wie imbunten Kaleidoskop hatte sich Licht- und Farbenspiel der Landschaft, be-sonders in der nächsten Umgebung der Stadt, völlig umgewandelt. Es warwie ein plötzliches Erwachen der Natur aus langem Schlaf, und überall drängte
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