Druckschrift 
5 (1927) Erde, Gewächs und Weltall
Entstehung
Seite
215
Einzelbild herunterladen
 

angeblitzte Pera in die Szene herein, ersteres durch einen breiten Wasserarm,letzteres scheinbar durch ein Segment des hellen Luftstromes vom Mittelbildeabgetrennt drei Nebelbilder, deren Züge mit jeder Fadenlänge des fort-rollenden Dampfers lebendiger werden und sich in schönerem Ebenmaßgestalten.

Der Wanderer erschrickt beinah vor Freude und Überraschung, wenn sichrechts zwischen dem sanft anschwellenden Serailpromontorium und den steilenPerahöhen plötzlich eine weite Mündung auftut und neben der reißendenBosporusströmung, von einem unermeßlichen, amphitheatralisch aufsteigen-den und hoch herabblickenden Häusergewoge umgeben, ein dicht gedrängterMastenwald mit einem leicht hinfliegenden Gondelheer die tief in das Landhineindringende stille Wasserfläche deckt. Das ist dasGoldhorn" der Alten,der Seehafen von Stambul, der Marktplatz dreier Weltteile, der Sitz desReichtums, der Üppigkeit, des Neides und der eifersüchtigsten Begehrlichkeitaller Völker, welchen ohne Unterschied des Bekenntnisses Macht und Genußals die höchsten Güter und als letztes Ziel irdischer Bestrebungen im Sinneliegen. Als Ankerplatz ist es nach jedermanns Geständnis einer der schönsten,größten und gesichertsten der ganzen Welt und zugleich von solcher Tiefe,daß sich die schwersten Kriegsschiffe überall dicht ans Ufer legen und ihrFallbrett gleichsam auf die Türschwellen der Hafenhäuser werfen können.Eigentlich ist das Goldene Hörn kein Seehafen im gewöhnlichen Sinn desWorts, es ist vielmehr ein schlanker Meerbusen, ein Golf der niedlichstenGestaltung, ein stummes Nachbild des in ewiger Aufregung tosenden Bosporus.An seiner Mündung zwischen dem Serailhorn und dem Felsenvorsprung vonTopchana ist er 500 Klafter breit. In der Mitte wie das Urbild selbst launenhaftgewunden und ungleich ausgeweitet, bis zur innersten stark gekrümmtenSpitze aber, wo zwei unversiegbare Süßwasserbäche einströmen, nach gewöhn-lichen Angaben über 4000 Klafter, das ist nicht viel weniger als zwei volle Weg-stunden lang, und von der Natur so wohltätig eingerichtet, daß sich keinFlußschlamm an den Grund legt, und selbst der Gesamtschmutz aller Ein-wohner der Altstadt wie der riesigen Vorstädte der reinigenden Strömungweichen muß, die bei der Serailspitze hereindringt, den Golf umkreist und beiTopchana wieder mit dem Bosporus zusammenrinnt.

Das Riesige in Anlage, Bau und Umriß von Konstantinopel tritt erst vondiesem Standpunkt aus in voller Majestät hervor. Es sind drei wesentlichverschiedene, voneinander abgetrennte und wenn der Ausdruck gestattetist alle drei ihr eigenes Leben atmende Stadtpersönlichkeiten, die aberdoch wieder ein notwendiges, sich gegenseitig ausbauendes und wie von einereinzigen, allen gemeinschaftlichen Seele belebtes Ganze bilden, wie keinzweites in der Welt gefunden wird. Es ist die politische Trinität von Byzanz,und ihr Anblick für sich allein schon Lohnes genug für die weite Fahrt ausdem Abendlande. (J. Ph. Fallmerayer, Konstantinopel und seine Umgebungen,1853.)

215