vollem Bilderspiel sänke bei seinem Anblick die Melancholie des still undmonoton vorüberschleichenden Nils in das Gemüt des Wanderers herab.Der geheimnisvolle Reiz von Stambul liegt nicht in der Architektur der Stadtoder überhaupt in den künstlichen Zutaten, durch welche der gesittete Menschseinen Wohnplatz zu verschönern sucht. Der Reiz liegt in der wundervollenGestaltung der Höhenzüge, die zu beiden Seiten des Stromes der Glückselig-keit, in lieblich-harmonischem Wellengekreisel anschwellend und fächerartigauseinanderfallend, die Landschaft zwischen dem Pontus Euxinus und demGoldenen Hörn füllen.
Hier hat die Natur alles allein getan, und wir halten es für doppelt schwer,wo nicht gar für unmöglich, zum Lob ihrer Schöpfungen in Wort und Farben-ton, besonders jenen Lesern gegenüber, welche das zauberhafte Bild nichtselbst gesehen haben, das richtige Maß*zu finden.
Das große, einerseits tief in die anatolische Waldzone, andererseits weit indas thrazische Hügelland hineingreifende Panorama im ganzen Umfang zuerfassen, ist nicht das Ziel. Auch die Namen aller kleinen und großen Ort-schaften, aller Lustschlösser, Baumparadiese und Schattenhalden im leben-vollen Riesentempel von Byzanz einregistriert zu lesen, wird man nicht er-warten. Wer klug ist und Geschmack besitzt, soll hier nur wenig, und auchnur das Wenige in kurzen Sätzen sagen. Duft und Blumenflor der Terrassen-gärten, die dunkeln Fruchtbaumgruppen und ihr Frühlingsblütenmeer, dielangen Zeilen hochwipfeliger Zypressen, das Rasengrün und die luftige Prachtder Pinien und aus hellaubigem Geschlinge von den Höhen herabwinkendenRiesenplatanen, die wonnige Abendkühle, das Vollmondlicht, wie es immilden Widerschein vom Wasserspiegel aufhüpfend durch die Fenster aloe-duftender Diwansäle reicher Byzantiner fällt, und dicht unterhalb in sanfteinschlummerndem Gemurmel die Bosporusflut vorüberrauscht, mag sichdie warme Phantasie des Lesers selber malen.
Genug, wenn man ihmsagt, am besten aber, wenn er aus dem Pontus beim hohenFelsentor hereinschiffend, das entzückende Naturgezimmer der Mäanderhöhenmit seinem Blick verfolgt, wie sie bald rundkuppig, bald in langer Schwingung,bald lieblich eingemuldet und sanft anschwellend, bald straff und kühn —jedoch ohne Maß und Harmonie zu stören in die Höhe strebend und durchherbstlich fahl aus Immergrün hervorleuchtendes Gestein das Auge labenddie launigen Windungen des ungleich breiten, aber allzeit voll und tief rauschen-den Silberstroms bis in den Hintergrund des Horizonts begleiten, und nacheiner raschen Uferkrümmung plötzlich in der Ferne, nicht auf einmal undin der ganzen Fülle, sondern langsam und wie aus leise zurückweichendenKulissen hervortretend, in weichem Morgendunst die stolze Kalifenstadt er-scheint. Zuerst hebt sich vor dem trunkenen Blick des im Morgendunkel desanatolischen Waldrandes dahinsegelnden Fremdlings, gleichsam zwischen demBosporusspiegel und dem blauen Luftmeer schwebend, das Serail des Groß-herrn mit den schlanken Spitztürmen der Moscheen Hagia Sofia und SultanAhmed am Hippodrom hervor, nach wenigen Minuten rückt links ein Streifenvom asiatischen Skutari und rechts auf der europäischen Seite das über raschauffahrende Höhen hingegossene und vom Gold der Morgensonne schimmernd
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