Einheit zu geben gewußt hat, liegt eine Richtung angedeutet, die in dieserEntschiedenheit unter keinem anderen europäischen Volke anzutreffen ist.(J. H. Blasius, Reise im Europäischen Rußland, 1844.)
PETERSBURGER WINTERTAGE UND SOMMERNÄCHTE
Gewöhnlich geht das Leben im Petersburger Winter, es mag nun regnenoder schneien, frieren oder tauen, seinen alten gewohnten Gang. Tag für Tagknistern die Birkenbäume im Ofen, einen Tag um den anderen rutschen dieSchlitten in den Straßen herum, beständig werden die öffentlichen Wärme-stuben für die armen Leute geheizt und regelmäßig die öffentlichen Feuerauf der Straße, in der Nähe der Theater, für die Kutscher unterhalten. Nurwenn die Kälte ausnahmsweise zu außerordentlicher Höhe steigt, tretenbedeutende Veränderungen in der Bewegung auf den Straßen ein und imAnblick des Ganzen. Wenn es heißt: „das Thermometer ist auf 20 Gradherabgesunken", dann spitzt man die Ohren, beobachtet den Wärmemesserund zählt die Grade. Bei 23 bis 24 Grad wird die Polizei wach, die Offizieremachen Tag und Nacht die Runde, um die Schildwachen und Butschnikswach zu halten und die im Schlafe Überraschten auf der Stelle tüchtig strafenzu lassen; denn der Schlaf ist in diesem Falle das sicherste Mittel zu einemsanften Hinübergleiten aus dieser Welt in jene. Mit 25 Grad hören die Theaterauf, weil nicht mehr die nötigen Sicherheitsmittel für die Schauspieler undfür die Kutscher getroffen werden können. Die Fußgänger, die sonst inPetersburg einen ziemlich bedächtigen Schritt haben, laufen alsdann so eilig,als hätten sie die wichtigsten Geschäfte, und die Schlitten, die schon vorherziemlich flink sich bewegten, fliegen nun im Galopp über den schreiendenSchnee. Ich weiß nicht, woher es kommt, aber gewiß ist, daß 20 Grad Kältein Petersburg unendlich mehr bedeuten und weit schädlicher wirken, als beiuns. Gesichter bekommt man dann gar nicht mehr auf den Straßen zu sehen,denn alles hat sich die Pelze über Kopf und Hut gezogen. Die Furcht Augen,Ohren und Nase durch den Frost zu verlieren, beängstigt jeden, und da sichdas Abfrieren durch kein unangenehmes Gefühl vorher ankündigt, so hat mangenug zu denken, daß man nicht eine der verschiedenen Extremitäten desKörpers vergesse, sondern zuzeiten etwas reibe. „Väterchen, deine Nase!"erinnert der Vorübergehende den Entgegenkommenden und reibt ihm ohneUmstände seine kreideweiße Nase mit Schnee ein. Mit den Augen hat manebenfalls viel zu tun, weil sie alle Augenblicke zusammenfrieren. Man tapptdann in die erste beste Haustür hinein und bittet die Leute auf ein paar Augen-blicke um ein Plätzchen am Ofen, indem man dann hinterher eine zertauteTräne des Dankes dafür vergießt.
Die Kälte Petersburgs ist allerdings viel empfindlicher als die unserige, aberdie Petersburger, wie alle Nordländer überhaupt, sind auch viel empfindlicherfür die Kälte. Alle Ausländer, selbst Italiener, Spanier und Franzosen, sind
bei weitem kühner und weniger zärtlich.--------
Die höchsten Kältegrade fallen gewöhnlich nur bei heiterm ruhigen Wetterein, und das prachtvolle Petersburg hat daher in der Regel bei 30 Grad Kälte
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