Gruppen von Türmen und Palästen nebeneinander gestellt. Viele dieser Gegen-sätze sind gemildert im Verlauf der Zeiten, aber neben den dunklen Türmenund dem alternden Mauerwerk nehmen sich die blendend weißen Steinmassender dicht nebenanstehenden spätem Bauten und Renovationen um so ba-rocker aus. Will man einmal alles gehaltene Maß überschreiten und dadurchdie extremsten Wirkungen hervorrufen, so ist der Kreml ein unübertroffenesMuster. Kirchen mit weißen Wänden und blutrot bemalten Pilastern, Bogenund Friesen, mit schimmernd grünen Dächern und lasurblauen und glänzendgoldenen Kuppeln sind hier noch einfache Gebäude. Kein Wunder, daß derName schon ein Zauberwort ist, bei dem aller Patriotismus und alles Selbst-gefühl eines Russen erwacht.
Auch abgesehen von dem gedrängten Turmwalde der Stadt, die sich demKreml nach beiden Seiten ins Unübersehbare anschließt, wird schwerlichirgendein Punkt in Europa einen solchen Anblick aufzuweisen haben. Scheintdoch in Mannigfaltigkeit und barocker Zusammenstellung der Formen derKreml sogar alle Pracht des Orients hinter sich zurückzulassen, und dadurch,daß Europa mit Asien in ihm vereinigt ist, beiden den Rang abzulaufen.Vielleicht ist der Kreml gerade durch diese tolerante, kombinatorische Rich-tung vorzugsweise erhaben über alle ähnlichen Schöpfungen der Welt. Diealte Baukunst der Griechen und Römer und die mittelalterliche der Deutschenbewegt sich in scharfgezogenen Gesetzen und Grenzen, über die sich dasgelehrte neunzehnte Jahrhundert ebenso im klaren glaubt, wie die künstlerischschaffende Vergangenheit mit sich über dieselben einig sein mußte. Überallhat sich die ideenarme, unfruchtbare, aber desto konsequenter reflektierendeNachwelt diese schaffenden Gesetze zu einem unvergänglichen National-verdienst angerechnet, und von den in nationaler Zerrissenheit versunkenenNachgeborenen haben die Edelsten gehofft, das erloschene, einheitliche Volks-gefühl wieder anfeuern zu können an der Begeisterung für die Kunst-schöpfungen einer reicheren Zeit. Beim Anblick des Kreml würde man denpatriotischen Russen in Verlegenheit setzen, wenn man von ihm wissenwollte, welches die nationalen Verdienste an diesem Nationalheiligtum seien.Europa und Asien haben zum Aufbau des Kreml ihre Beiträge geliefert, undkein Volk ist leer ausgegangen, von dem die alte Zarenmacht direkte oderindirekte Kunde erhielt. An ein und demselben Gebäude ruht auf byzantinischenBogen ein gotisch-deutsches Dach, über der mongolischen Kuppel erhebtsich der türkische Halbmond, und griechische Säulen stehen zwecklos vor
einer Wand, die überfüllt ist mit dem allen Geschmack höhnenden Zopf.-----—
Vielleicht ist nur der alte, jetzt meist abgetragene und in fremdem Stil wiederhergestellte Zarenpalast eine volkstümliche Schöpfung gewesen, denn nurdas Dach des einzigen Restes, den man aus Pietät gegen das Andenken Petersdes Großen hat stehen lassen, erinnert an das eines russischen Bauernhauses.Gerade als ob dies einzige volkstümliche Element störend in die Harmonieder übrigen fremden eingegriffen habe. Nur in der Kombination und Ver-schmelzung dieser möglichst verschiedenartigen fremden Elemente und inder Pracht und den schroffen Gegensätzen der Farben, mit denen man auchden barocksten Zusammenstellungen den Schein einer gemeinsamen bunten
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