wie die livländischen Chronisten sagen, auf dem ganzen Striche von Pernaubis Riga weder einen Hund bellen, noch einen Hahn krähen hörte.Für Schloß und Stadt Wenden war das Jahr 1577, in welchem der russischeZar Iwan Wassiliewitsch II. beides zerstörte, das betrübteste in ihrer Ge-schichte. Der Bericht dieser Zerstörung und vorgängigen Belagerung vonWenden ist so tragisch und interessant, wie alle Erzählungen von dem Unter-gange der livländischen Schlösser. Die Russen lagen mit einem großen Heerevor dem Schlosse, in welchem nur ein kleines Häuflein Deutscher versammeltwar, das aber immer mehr und mehr zusammenschmolz, bei dem lange fort-gesetzten Bombardement der Russen eine Schutzwehr nach der anderenverlor und sich endlich, um nicht den Feinden in die Hände zu fallen, dazuentschloß, sich mit samt dem Schlosse in die Luft zu sprengen. Dieser Ent-schluß wurde fast einmütiglich gefaßt, und selbst die Geistlichen, welche gegen-wärtig waren, widersprachen nicht, sondern erteilten vielmehr ihren Segendazu, und 300 Personen beiderlei Geschlechts, darunter auch viele auf dasSchloß geflüchtete Greise und Kinder, nahmen das Abendmahl und begabensich, als die Russen abermals zu einem entscheidenden Sturme auf die vonvielen Breschen durchlöcherten Schloßmauern heranrückten, in einen Turm,dessen Souterrains mit Pulver gefüllt waren. Man hatte die Waffen, dieunnütz geworden waren, beiseite gelegt, und alles lag betend auf den Knien,als die Russen hereindrangen. In diesem Momente zündete Heinrich Boismann,ein Rittmeister, durch ein Fenster des Turmes das Pulver an, worauf allesmit Jungfrauen, Kindern, Rittern und Greisen in die Luft flog. Der einzige,der nachher noch lebendig gefunden wurde, war eben jener RittmeisterBoismann. Man brachte ihn noch redend vor den russischen Zaren, der ihnzu sehen wünschte und vor dessen Augen er verschied. Sein Leichnam wurdegespießt. Wie das Pulver jener Helden damals die Mauern zerrissen, so liegensie noch in diesem Augenblicke zerstreut.
Ganz auf dieselbe Weise wie Wenden wurde später auch Marienburg in dieLuft gesprengt. Bei der glorreichen Verteidigung dieses inmitten eines kleinenSees gelegenen Schlosses gegen Scheremetiew, den Feldherrn Peters des Großen,Waren am Ende nur noch der Kommandant des Schlosses, ein von Vietinghoff,und zwei andere Ritter übriggeblieben. Diese drei, als sie keine Rettung mehrsahen, zogen den Tod der russischen Gefangenschaft vor und sprengten sichmitsamt den anstürmenden Russen in die Luft. Die Stadt Marienburg wurdebei dieser Gelegenheit so radikal von den Russen verwüstet, daß sie seitdemnicht wieder aus der Asche erstanden ist. Auch das ruinierte Schloß liegtnoch in demselben Zustande, in welchen es das ehrenwerte Pulver jener dreiRitter versetzte. Das Ende und der Verfall der meisten livländischen Schlösserwar eine solche Protestation des Deutschtums gegen das Russentum, undman muß dem Lande, nachdem man seine Geschichte gelesen, das Zeugnisgeben, daß fast kein Quadratschuh desselben, Kurland ausgenommen, sichauf eine feige und verächtliche Weise den Russen unterworfen hat.Viele Gasthöfe, die freundlichen und gastfreien Sitze alter reicher Familien,sind häufig in der Wendenschen Landschaft zerstreut, und nicht minder ge-sellige Pastoratshöfe sieht man hier und da ihren Kirchtürmen zur Seite liegen.
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